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FAtiMA / OCC — Appraisal-basierte Emotions-Architektur
OCC ist die kognitive Appraisal-Theorie der Emotionen von Ortony, Clore und Collins (1988) — mit 22 strukturell differenzierten Emotionstypen. FAtiMA implementiert dieses Modell als Open-Source-Too…
FAtiMA / OCC — Appraisal-basierte Emotions-Architektur
Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet · Evidenzklasse: B · Modus: 🟢 Coaching + Story · Rolle im System: Basis-Pfeiler (Mechanik / Event-Pipeline)
Was ist das OCC-Modell?
OCC ist die kognitive Appraisal-Theorie der Emotionen von Ortony, Clore und Collins (1988) — mit 22 strukturell differenzierten Emotionstypen. FAtiMA implementiert dieses Modell als Open-Source-Toolkit für emotional intelligente Agenten und liefert so die Mechanik-Schicht unserer Event-Pipeline.
Das OCC-Modell ist die kognitive Appraisal-Theorie der Emotionen von Ortony, Clore und Collins (1988). Kernthese:
Emotionen entstehen durch kognitive Bewertungen (Appraisals) von Ereignissen, Handlungen anderer und Objekten entlang spezifischer Dimensionen. Aus diesen Bewertungen ergeben sich 22 strukturell unterschiedliche Emotionstypen.
Die drei Bewertungs-Dimensionen sind Desirability (in Bezug auf eigene Ziele, bei Ereignissen), Praiseworthiness (in Bezug auf eigene Standards, bei Handlungen) und Appealingness (in Bezug auf eigene Einstellungen, bei Objekten). Aus Kombinationen dieser Bewertungen entstehen die 22 OCC-Emotionstypen (joy, distress, hope, fear, pride, shame, admiration, reproach, love, hate etc.).
Primärwerk: Ortony, A., Clore, G. L., & Collins, A. (1988). The Cognitive Structure of Emotions. Cambridge University Press. ISBN: 978-0521353649
Was ist FAtiMA?
FAtiMA (Fearnot AffecTIve Mind Architecture) ist ein Open-Source-Toolkit für emotional intelligente autonome Agenten, entwickelt am Instituto Superior Técnico Lissabon. FAtiMA implementiert OCC-Appraisal in einer modularen Architektur, die in mehreren Serious Games und Forschungsprojekten eingesetzt wurde.
Primärwerke:
- Dias, J., Mascarenhas, S., & Paiva, A. (2014). FAtiMA Modular: Towards an Agent Architecture with a Generic Appraisal Framework. In Emotion Modeling (pp. 44–56). Springer.
- Mascarenhas, S., Guimarães, M., Prada, R., Santos, P. A., Dimas, J., Dias, J., & Paiva, A. (2021). FAtiMA Toolkit: Toward an accessible tool for the development of socio-emotional agents. ACM Transactions on Interactive Intelligent Systems, 12(1), 1–30.
Source: FAtiMA auf GitHub
Architektur von FAtiMA
Event → Perception → Appraisal → Emotion → Coping → Action
↓
Memory (Autobiographical + Semantic)
↓
Reflection (höherrangige Synthese) Die Module im Detail
Perception: Event-Wahrnehmung mit Kontext (wer, was, wann, warum).
Appraisal: OCC-basierte Bewertung nach Desirability (für eigene Ziele), Praiseworthiness (für eigene Standards), Appealingness (für eigene Einstellungen).
Emotion: Aus dem Appraisal entstehen spezifische OCC-Emotionstypen. Diese haben Intensität, Decay-Zeit und können sich akkumulieren.
Memory: Zwei Speicher-Systeme — Autobiographical Memory für episodische Erinnerungen an Events und Semantic Memory für abstrahierte Muster, Regeln und Überzeugungen.
Coping: Strategien zum Umgang mit Emotionen — problem-focused (Situation ändern) oder emotion-focused (eigene Reaktion regulieren).
Action: Verhaltensauswahl basierend auf Zielen, Emotionen und Coping-Strategien.
Die wissenschaftliche Basis
OCC-Modell — Evidenz
Das OCC-Modell ist eine der am besten ausgearbeiteten kognitiven Appraisal-Theorien und Standard-Referenz in der Affective Computing-Forschung.
- Gründungswerk: Ortony, Clore & Collins 1988
- Überblick: Ortony, A. (2022). Are all “basic emotions” emotions? A problem for the (basic) emotions construct. Perspectives on Psychological Science, 17(1), 41–61. — Ortony’s Selbstkritik 30 Jahre später
- Appraisal-Theorie allgemein: Scherer, K. R. (2009). The dynamic architecture of emotion: Evidence for the component process model. Cognition and Emotion, 23(7), 1307–1351.
- Logische Formalisierung: Adam, C., Herzig, A., & Longin, D. (2009). A logical formalization of the OCC theory of emotions. Synthese, 168(2), 201–248.
FAtiMA — Empirische Anwendungen
- Paiva, A., Dias, J., Sobral, D., Aylett, R., Sobreperez, P., Woods, S., Zoll, C., & Hall, L. (2005). Caring for agents and agents that care: Building empathic relations with synthetic agents. AAMAS 2005. — Einsatz in Anti-Bullying-Serious-Game
- Aylett, R., et al. (2013). An architecture for empathic agents. AAMAS 2013.
Grenzen des OCC-Modells
- Kognitivismus: Das Modell nimmt an, dass Emotionen primär aus bewussten Bewertungen entstehen — vernachlässigt subkortikale, affektive Schnellreaktionen. Wir kompensieren durch RDoC als vorgelagerte Schicht.
- Kulturelle Universalität fraglich: Die 22 Emotionstypen sind kulturell nicht vollständig validiert.
- Statisch: OCC modelliert Emotionen als diskrete Klassifikation, nicht als kontinuierliches Geschehen.
Daraus folgt unsere Evidenzklasse B — etabliertes Standard-Modell in der Forschung, aber mit bekannten theoretischen Lücken.
Warum wir FAtiMA/OCC verwenden
FAtiMA/OCC liefert den Mittelteil der Event-Pipeline — die kognitive Bewertungsschicht zwischen subkortikaler Valence-Aktivierung (RDoC) und narrativer Integration (IFS):
1. Die Appraisal-Mikro-Mechanik
Wie wird aus einem Event eine spezifische Emotion? OCC liefert die klarste verfügbare Antwort: über die drei Bewertungs-Dimensionen. Kein anderes Framework hat eine vergleichbar explizite Mikro-Mechanik.
2. 22 strukturell differenzierte Emotionstypen
OCC unterscheidet nicht nur “Freude” und “Angst”, sondern feinkörnige Typen wie joy (Freude über ein wünschenswertes Event) vs. satisfaction (Bestätigung einer Hoffnung), distress (Schmerz über ein unerwünschtes Event) vs. disappointment (Enttäuschung einer Hoffnung) oder pride (Stolz auf eigene Handlung) vs. gratification (Freude über eigene wünschenswerte Konsequenz).
Diese Granularität ist für Storytelling unverzichtbar (präzise Emotions-Beschreibung) und für Coaching wertvoll (genaue Benennung von Gefühlszuständen).
3. Integrierte Memory-Architektur
FAtiMA’s Unterscheidung von episodischem und semantischem Gedächtnis ist direkt kompatibel mit unserem Event-Sourcing-Paradigma: Events landen in Episodic Memory, Aggregate werden Semantic Memory.
4. Modularität
FAtiMA’s Architektur ist explizit modular: einzelne Komponenten (Appraisal, Memory, Coping) können ausgetauscht oder ergänzt werden. Das passt zu unserer Regel-Komposition (core + overlays + overrides).
Wie wir FAtiMA/OCC im System verwenden
Rolle: Mechanik-Schicht (Stufe 2 der Kaskade)
In der Kern-Kaskade ist FAtiMA/OCC die zweite Schicht: kortikal, bewusst, kategorisch. Nach RDoC-Valence-Aktivierung (Stufe 1) führt das Appraisal zur spezifischen OCC-Emotion, die dann in Stufe 3 von einem IFS-Part übernommen wird.
OCC-Emotionen im Schema
Die 22 OCC-Emotionen werden im System als enumerierte Typen geführt. Jede Regel, die eine Emotion produziert oder verarbeitet, referenziert einen konkreten OCC-Typ.
Appraisal-Dimensionen als Regel-Inputs
Die OCC-Bewertungs-Dimensionen werden zu Regel-Bedingungen:
rule: joy_from_desirable_event
fires_when:
all:
- appraisal.desirability > 0
- event.type != "action_of_others"
then:
- produce_emotion:
type: "joy"
intensity: "=appraisal.desirability * event.salience" Brücken zu anderen Frameworks
Siehe framework_mappings.yaml. Die 22 OCC-Typen werden in RDoC-Valence-Domänen verortet; OCC↔IFS beschreibt, welche OCC-Emotion welchen Part-Typ typischerweise aktiviert (shame → manager, anger → firefighter); OCC↔HEXACO zeigt, wie Personality-Parameter Appraisal-Schwellen modulieren (hohe Emotionality → niedrigere Trigger-Schwelle für Distress).
Limitationen und Anpassungen
Wo wir OCC erweitern
OCC ist rein kognitiv und ignoriert die Körper-Dimension — wir ergänzen mit Polyvagal und Emotionsregulation Gross. Greenbergs EFT unterscheidet primäre (adaptive) und sekundäre (Schutz-) Emotionen, was OCC nicht leistet — siehe 05-protective-system.md. Und OCC hat kein Konzept für traumatisches Encoding; wir ergänzen mit state_at_encoding pro Event (siehe 02-event-sourcing.md).
Verknüpfte Dokumente
Charaktersystem:
- 03-kaskade.md — OCC als Stufe 2 der Event-Verarbeitung
- 02-event-sourcing.md — Events durchlaufen OCC-Appraisal
Andere Frameworks:
- RDoC — vorgelagerte Valence-Aktivierung
- IFS — nachgelagerte Parts-Aktivierung
- Emotionsregulation Gross — Coping auf OCC-Emotionen
Ontologie:
- framework_mappings.yaml — OCC↔RDoC, OCC↔IFS Mappings
Primärquellen-Übersicht
| Referenz | Inhalt | Zugriff |
|---|---|---|
| Ortony, Clore & Collins 1988 | Gründungswerk OCC | ISBN 978-0521353649 |
| Ortony 2022 | Selbstkritik zu Basic Emotions | DOI |
| Scherer 2009 | Appraisal Theory Überblick | DOI |
| Dias et al. 2014 | FAtiMA Modular Architektur | DOI |
| Mascarenhas et al. 2021 | FAtiMA Toolkit Paper | ACM |
| Adam et al. 2009 | Logische Formalisierung | DOI |
| FAtiMA GitHub | Open Source Implementation | GitHub |