// Charaktersystem

Kern-Kaskade — RDoC → FAtiMA/OCC → IFS

Jedes Event durchläuft drei Verarbeitungsstufen in einer biologisch plausiblen zeitlichen Reihenfolge. Die drei Basis-Pfeiler des Systems sind nicht konkurrierende Theorien, sondern aufeinanderfolg…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet

Kernidee

Jedes Event durchläuft drei Verarbeitungsstufen in einer biologisch plausiblen zeitlichen Reihenfolge. Die drei Basis-Pfeiler des Systems sind nicht konkurrierende Theorien, sondern aufeinanderfolgende Schichten derselben Verarbeitung.

Diese Anordnung ist die entscheidende architektonische Entscheidung, die aus drei etablierten Frameworks ein kohärentes Uhrwerk macht.

Die drei Stufen im Überblick

EVENT eintritt


┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Stufe 1: RDoC — Valence-Aktivierung                 │
│ Zeit: Millisekunden                                 │
│ Substrat: limbisch, subkortikal                     │
│ Output: kontinuierliche Valence-Signale             │
└─────────────────────────────────────────────────────┘


┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Stufe 2: FAtiMA / OCC — Appraisal-Klassifikation   │
│ Zeit: ~100 ms                                       │
│ Substrat: präfrontal, kortikal                      │
│ Output: diskreter OCC-Emotionstyp                   │
└─────────────────────────────────────────────────────┘


┌─────────────────────────────────────────────────────┐
│ Stufe 3: IFS — Parts-Aktivierung                    │
│ Zeit: Sekunden                                      │
│ Substrat: narrative Integration                     │
│ Output: aktiver Part + Part-spezifische Färbung     │
└─────────────────────────────────────────────────────┘


BEHAVIOR / STATE UPDATE / RELATIONSHIP DELTA

Stufe 1: RDoC — Valence-Aktivierung

Zeitfenster: Millisekunden

Die erste, schnellste, bewusst nicht kontrollierte Schicht. Sensorische Information wird durch RDoC-Domänen (Negative Valence, Positive Valence, Social Processes, Cognitive Systems, Arousal, Sensorimotor) aktiviert.

Substrat

Die thalamo-amygdale Route (LeDoux) umgeht kortikales Appraisal und wird durch das limbische System (Amygdala, Hippocampus) sowie eine schnelle autonome Reaktion (Polyvagal-Zustands-Shift) getragen.

Output

Ergebnis ist eine kontinuierliche Valence-Aktivierung in betroffenen RDoC-Domänen, eine autonome Aktivierung (Herzrate, Atmung, Muskeltonus) und eine frühe Aufmerksamkeits-Orientierung.

Belegbasis

Framework-Referenz: RDoC

Stufe 2: FAtiMA / OCC — Appraisal-Klassifikation

Zeitfenster: ~100 ms

Die zweite Stufe: kortikale, bewusstere Bewertung. Das Event wird entlang der OCC-Dimensionen (Desirability, Praiseworthiness, Appealingness) bewertet und in einen der 22 OCC-Emotionstypen klassifiziert.

Substrat

Präfrontaler Kortex (dorsolateral, ventromedial), Cingulum (Konflikt-Detektion) und Inselkortex (Körperwahrnehmung → Gefühl) bilden die Grundlage.

Input

Die Stufe verarbeitet den Output von Stufe 1 (Valence-Aktivierung), den Kontext (aktuelle Situation, Ziele, Standards), Trait-Modulatoren aus L1 (HEXACO-Sensitivitäten), Werte aus L2 (Schwartz-Hierarchie → Relevanz-Bewertung) und Bedürfnisse aus L2 (Grawe → Erfüllungs-Check).

Output

Ergebnis ist ein diskreter OCC-Emotionstyp (z.B. shame, fear, anger, joy, hope), die Intensität der Emotion und der Zugriff auf das zugehörige Emotion-Skript.

Die 22 OCC-Emotionstypen (Auswahl)

KategorieOCC-Typen
Event-based (Konsequenzen für Selbst)joy, distress, hope, fear, satisfaction, disappointment, fears-confirmed, relief
Event-based (Konsequenzen für Andere)happy-for, pity, gloating, resentment
Action-based (Handlungen von Selbst)pride, self-reproach, gratification, remorse
Action-based (Handlungen von Anderen)admiration, reproach, gratitude, anger
Object-basedlove, hate

Belegbasis

Framework-Referenz: FAtiMA / OCC

Stufe 3: IFS — Parts-Aktivierung

Zeitfenster: Sekunden

Die dritte, langsamste Stufe: narrative Integration. Die klassifizierte Emotion wird in den biografischen Kontext eingebettet. Ein spezifischer IFS-Part übernimmt die Emotion und färbt sie mit seinem charakteristischen Muster.

Substrat

Erweiterte Netzwerke (Default Mode Network, autobiografisches Gedächtnis), präfrontaler Kortex (Self-Referenz) und die Integration mit Cue-Signature-Match (Vergangenheits-Aktivierung) tragen diese Stufe.

Input

Die Stufe nutzt den Output von Stufe 2 (OCC-Emotion + Intensität), den Cue-Signature-Match mit Event-Historie (welche alten Events werden reaktiviert?), die aktive Trigger-Liste und die Part-Konfiguration des Charakters.

Output

Ergebnis ist ein aktivierter Part (Manager, Firefighter oder Exile) mit seinem spezifischen Mechanismus — Defense (aus Vaillant-Taxonomie), Cognitive Distortions (aus Beck), Speech-Shift, Body-Signal, State-Shift (Polyvagal-Zustands-Veränderung) — sowie das resultierende relationale Verhalten.

Belegbasis

Framework-Referenz: IFS

Konkreter Verlauf — vollständiges Beispiel

Ausgangsevent: Sarah (Partnerin) sagt zu Kai: “Du redest zu viel.”

Stufe 1 (RDoC) — ~10 ms

activation:
  rdoc_domains:
    negative_valence:
      acute_threat: 0.6      # Bedrohung durch Kritik
      social_rejection: 0.7  # Beziehungs-Verletzung
    social_processes:
      affiliation_attachment:
        deactivation: 0.5    # Bindung bedroht
  
  autonomic_shift:
    from: "ventral_vagal"
    to: "sympathetic_light"
  
  state_transition:
    window_of_tolerance:
      from: 85
      to: 70                 # Tolerance cost

Stufe 2 (OCC) — ~100 ms

appraisal:
  event_perspective: "action_of_others"   # Sarahs Handlung
  
  desirability: -0.6                      # unerwünscht
  praiseworthiness_others: -0.4           # tadelnswert (aus Kai's Sicht)
  
  classified_emotion: "shame"             # Kai erlebt Scham
  intensity: 0.65
  
  trait_modulation:
    hexaco.emotionality: 0.78             # hoch → verstärkt Shame
    hexaco.honesty_humility: 0.45         # mittel
  
  value_context:
    threatened_values: ["achievement", "self_direction"]
  
  need_context:
    threatened_need: "self_esteem"        # Grawe

Stufe 3 (IFS) — ~2 Sekunden

cue_match:
  activated_events:
    - event: "E-007"                      # Lehrerin-Demütigung
      similarity: 0.78
      cue_categories: [relational, symbolic]
    - event: "E-019"
      similarity: 0.45
  
  triggers_fired:
    - trigger: "T-003"                    # öffentliche Kritik
  
  part_activation:
    primary_part: "P-001"                 # "Der Perfektionist" (Manager)
    activation_intensity: 0.8
  
  part_mechanism:
    defense: "intellectualization"
    cognitive_distortions: ["all_or_nothing", "should_statements"]
    speech_shift:
      formality: "+1"
      sentence_length: "long"
      hedging: "decrease"
    body_signal:
      jaw_tension: "+"
      breathing: "shallow"
    final_state_transition:
      polyvagal: "sympathetic_mobilization"
      window_of_tolerance.current: 60

## Behavioral Output

```yaml
observable_behavior:
  immediate_response:
    speech: "Ich wollte nur den Kontext vollständig darlegen, weil sonst Missverständnisse entstehen könnten."
    tone: "kontrolliert, leicht kühl"
    body: "aufgerichteter Sitz, Blick abgewandt"
  
  inner_monologue:
    - "Sie versteht nicht, wie wichtig das ist." (mind_reading)
    - "Ich hätte mich kürzer fassen sollen." (should_statement)
    - "Das ist peinlich." (labeling)
  
  relational_consequences:
    sarah_bindung: -1
    sarah_vertrauen: -3
    sarah_perception: "er wird kontrolliert, distanziert"
  
  recovery_trajectory:
    typical_duration_min: 45
    de_escalation_signal: "wenn Sarah nachfragt statt gegenhält"

Warum die Reihenfolge belegt ist

Neurobiologisch

  • LeDoux 1996 zeigte die schnelle thalamo-amygdale Route
  • Phelps & LeDoux 2005 dokumentieren das Timing der Amygdala-PFC-Interaktion
  • Die bewusste Emotion ist oft schon “da”, bevor das Appraisal abgeschlossen ist

Kognitiv

  • Scherer 2009 beschreibt Appraisal als bewussten, kognitiven Prozess — zeitlich nach der automatischen Valence-Aktivierung
  • OCC-Appraisal erfordert Arbeitsgedächtnis und kortikale Kapazität

Narrativ

  • IFS-Part-Aktivierung erfordert Einbettung in biografischen Kontext — das braucht autobiografisches Gedächtnis, Selbst-Referenz, Self-other-Distinktion
  • Schwartz & Sweezy 2020 beschreiben Part-Aktivierung als Sekunden-Prozess, nicht Millisekunden

Feedback-Schleifen zwischen Stufen

Die Kaskade ist nicht rein vorwärts. Es gibt wichtige Rück-Feedback-Schleifen:

Part → Appraisal (Stufe 3 → Stufe 2)

Bei erneutem Event kann der aktivierte Part das Appraisal der nachfolgenden Events verzerren. Ein aktivierter Perfektionist sieht auch neutrale Situationen als “potentiell fehlerhaft”.

State → Stufe 1 (L7 → Stufe 1)

Aktueller State beeinflusst, wie neue sensorische Information bewertet wird:

  • Sympathetic dominant → Threat-Sensitivität erhöht
  • Dorsal dominant → verminderte Reaktivität auf alle Valence-Dimensionen

Beleg-Quellen

Propagation im Rule-Engine

Die Kaskade ist technisch als Event-Pipeline implementiert:

event_in

  ├─ [stage_1_rdoc_appraisal]     → valence_output

  ├─ [stage_2_occ_classification] → emotion_output
  │   reads valence_output

  ├─ [stage_3_ifs_activation]     → part_output
  │   reads emotion_output + cue_match + trigger_list

  └─ [state_update]               → final_state
      integrates all outputs

Jede Stufe kann Regeln feuern lassen. Die nächste Stufe bekommt die Outputs der vorherigen als Input.

Override-Regeln: Wann Stufen übersprungen werden

In Ausnahmefällen wird die Kaskade verkürzt:

1. Reine somatische Reaktion

Bei extrem traumatischen Triggern kann die Reaktion auf Stufe 1 steckenbleiben (Dorsal-Shutdown) — keine Appraisal-Klassifikation mehr möglich.

2. Automatisierte Skripte

Tief eingeschliffene Verhaltensmuster (z.B. traumatische Flucht) können Stufe 2 und 3 überspringen.

3. Dissoziative Zustände

Bei Dissoziation sind Stufe 2 und Stufe 3 zeitweise entkoppelt — Emotion ist da, aber nicht integriert.

Caveat: Vereinfachung

Die Kaskade ist eine vereinfachte Darstellung. Reale neuropsychologische Prozesse sind komplexer — es gibt parallele Verarbeitung auf mehreren Ebenen, Pre-conscious vs. conscious Appraisal, individuelle Variation im Timing und kulturelle Modulation der Appraisal-Kategorien.

Das Modell ist praktisch nützlich für die Rule-Engine, nicht vollständig biologisch akkurat.

Belegbasis

Verknüpfungen

Charaktersystem:

Frameworks — Basis-Pfeiler:

Frameworks — Modulatoren:

  • HEXACO — moduliert Stufe 2 Appraisal-Schwellen
  • Bindungstheorie — moduliert Stufe 1 (Social Processes)
  • Grawe — moduliert Stufe 2 Bedürfnis-Bewertung
  • Schwartz-Werte — moduliert Stufe 2 Relevanz-Bewertung

Ontologie:

  • framework_mappings.yamlcore_cascade