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RDoC — Research Domain Criteria

RDoC ist ein dimensional-transdiagnostisches Forschungs-Framework des NIMH, das psychische Phänomene nicht als diskrete Diagnosen, sondern als Ausprägungen grundlegender Domänen modelliert. Es lief…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

RDoC — Research Domain Criteria

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet · Evidenzklasse: A · Modus: 🟢 Coaching + Story · Rolle im System: Basis-Pfeiler (Skelett/Dimensionen)

Was ist RDoC?

RDoC ist ein dimensional-transdiagnostisches Forschungs-Framework des NIMH, das psychische Phänomene nicht als diskrete Diagnosen, sondern als Ausprägungen grundlegender Domänen modelliert. Es liefert in unserem System das Dimensions-Skelett, auf dem alle weiteren Frameworks verortet werden.

Das Research Domain Criteria-Framework ist eine Forschungs-Initiative des US National Institute of Mental Health (NIMH), die 2010 als Antwort auf die Limitationen der DSM/ICD-Klassifikation eingeführt wurde. Statt kategorialer Diagnosen wie “Depression” oder “Angststörung” definiert RDoC dimensionale, transdiagnostische Domänen der Psyche, die über verschiedene Verhaltens- und neurobiologische Ebenen hinweg untersucht werden können.

Kernidee: Psychische Phänomene sind keine diskreten Krankheiten, sondern Ausprägungen grundlegender psychologischer Dimensionen, die bei allen Menschen vorkommen — in unterschiedlichen Intensitäten und Kombinationen.

Siehe Primärquelle: Insel et al. 2010, Research Domain Criteria (RDoC): Toward a New Classification Framework for Research on Mental Disorders, American Journal of Psychiatry

Die RDoC-Matrix

RDoC ist als Matrix organisiert: Domänen × Units of Analysis.

Die sechs Domänen

DomäneKonstrukte (Auswahl)
Negative Valence SystemsAcute Threat (Fear), Potential Threat (Anxiety), Sustained Threat, Loss, Frustrative Nonreward
Positive Valence SystemsReward Responsiveness, Reward Learning, Reward Valuation, Habit
Cognitive SystemsAttention, Perception, Declarative Memory, Language, Cognitive Control, Working Memory
Social ProcessesAffiliation & Attachment, Social Communication, Perception of Self, Perception of Others
Arousal and Regulatory SystemsArousal, Circadian Rhythms, Sleep-Wakefulness
Sensorimotor SystemsMotor Actions, Agency & Ownership, Sensorimotor Development

Siehe: NIMH RDoC Matrix (offizielle Übersicht)

Die Units of Analysis

RDoC untersucht jede Domäne auf acht Ebenen:

UnitEbene
GenesGenetische Variationen
MoleculesNeurotransmitter, Peptide
CellsNeurone, Gliazellen
CircuitsNeuronale Schaltkreise
PhysiologyHerzrate, Cortisol, HRV etc.
BehaviorBeobachtbares Verhalten
Self-ReportSelbstbericht, Questionnaires
ParadigmsExperimentelle Protokolle

Für unser System sind primär relevant: Behavior, Self-Report, Physiology.

Die wissenschaftliche Basis

RDoC wurde auf Basis konvergierender Forschungsergebnisse in Neurowissenschaften, Genetik und Verhaltenspsychologie entwickelt. Die Konstrukte sind nicht theoretisch postuliert, sondern aus empirischen Phänomenen abgeleitet, die sich robust replizieren lassen.

Primärquellen

Warum wir RDoC verwenden

RDoC löst für unser System drei zentrale Probleme:

1. Dimensionale statt kategoriale Modellierung

DSM/ICD-Diagnosen sind binäre Labels (hat Depression ja/nein). RDoC operationalisiert psychische Phänomene als Kontinua. Das passt zu unserer Hybrid-Architektur mit Richtung + Magnitude-Band.

2. Transdiagnostische Neutralität

RDoC ist bewusst nicht pathologisierend. Eine hohe Sensitivität in der Negative Valence-Domäne ist keine Störung, sondern eine beobachtbare Ausprägung. Das macht RDoC für den Coaching-Modus geeignet — keine Diagnose-Labels.

3. Cross-Framework-Anker

Andere Frameworks (HEXACO-Traits, Bindungsstil, Grawe-Bedürfnisse) lassen sich auf RDoC-Domänen abbilden. RDoC fungiert als gemeinsames Koordinatensystem. Siehe dazu framework_mappings.yaml.

Wie wir RDoC im System verwenden

Rolle: Dimensions-Skelett der Ontologie

Die oberste Strukturebene unserer _ontology.yaml folgt den sechs RDoC-Domänen:

dimensions:
  negative_valence_systems:
    constructs: [acute_threat, potential_threat, loss, ...]
  positive_valence_systems:
    constructs: [reward_responsiveness, reward_learning, ...]
  cognitive_systems:
    constructs: [attention, cognitive_control, ...]
  social_processes:
    constructs: [affiliation_attachment, social_communication, ...]
  arousal_and_regulatory_systems:
    constructs: [arousal, ...]
  sensorimotor_systems:
    constructs: [...]

Jedes charakter-spezifische Attribut verortet sich in mindestens einem RDoC-Konstrukt.

Stufe 1 der Kaskade: Valence-Aktivierung

In der Kern-Kaskade ist RDoC die erste und schnellste Schicht: subkortikal, millisekunden-schnell, dimensional-kontinuierlich. Ein Event aktiviert RDoC-Dimensionen, bevor kognitives Appraisal (OCC) oder narrative Integration (IFS) einsetzt.

Biologische Plausibilität: LeDoux 1996, The Emotional Brain beschreibt die schnelle thalamo-amygdale Route, die kortikales Appraisal umgeht.

Brücke zu anderen Frameworks

Siehe framework_mappings.yaml für die detaillierten Mappings. HEXACO-Traits modulieren Domänen-Sensitivität, Grawe-Bedürfnisse treiben Domänen-Aktivierung, Bindungsstil operationalisiert Attachment als Konstrukt in den Social Processes, und Schwartz-Werte bestimmen, welche Domänen subjektiv bedeutsam sind.

Limitationen und Kritik

Was RDoC nicht ist

RDoC ist keine klinische Diagnostik — es wurde für Forschung entwickelt, und NIMH warnt explizit davor, es als Diagnose-System zu missbrauchen. Es ist auch kein vollständiges Menschenbild: Bewusstsein, Narrativität und Meaning-Making werden nicht abgedeckt, weshalb wir mit FAtiMA/OCC (kognitives Appraisal) und IFS (narrative Integration) ergänzen. Und es ist keine Trait-Theorie — HEXACO/Big Five sind nicht RDoC-nativ, wir mappen sie, aber das Mapping ist unsererseits interpretiert, nicht NIMH-offiziell.

Wissenschaftliche Kritik an RDoC

Es gibt ernst zu nehmende kritische Stimmen, die wir dokumentieren:

Unsere Antwort: RDoC wird in unserem System nicht als klinisches Diagnostik-Tool verwendet, sondern als Koordinatensystem für die Verortung anderer, klinisch validierter Konstrukte. Das umgeht die meisten Kritikpunkte.

Verknüpfte Dokumente

Charaktersystem:

Andere Frameworks:

Ontologie-Artefakte:

  • framework_mappings.yaml — formale Mappings mit Quellenangabe
  • evidence_classes.yaml — RDoC als Evidenzklasse A

Primärquellen-Übersicht (für schnellen Zugriff)

ReferenzInhaltZugriff
Insel et al. 2010Gründungsartikel RDoCDOI
Cuthbert & Insel 2013Sieben Säulen von RDoCDOI
Morris et al. 202210-Jahres-BilanzDOI
NIMH RDoC Websiteoffizielle Matrix und Updatesnimh.nih.gov
Parnas 2014Kritik — fehlende PhänomenologieDOI