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OPD — Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik und Strukturniveau

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) ist ein deutschsprachiges diagnostisches System, entwickelt in den 1990er Jahren als psychodynamisches Gegengewicht zu DSM/ICD. Initiiert vo…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

OPD — Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik und Strukturniveau

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet · Evidenzklasse: B · Modus: 🟢 Coaching + Story · Rolle im System: L1 Integrations-Kapazität (Meta-Parameter)

Was ist OPD?

Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) ist ein deutschsprachiges diagnostisches System, entwickelt in den 1990er Jahren als psychodynamisches Gegengewicht zu DSM/ICD. Initiiert vom Arbeitskreis OPD (Cierpka, Grande, Rudolf, Schneider u.a.), heute in der Version OPD-2 (2006, überarbeitet 2014).

Kernthese: Psychische Diagnostik sollte nicht nur Symptome klassifizieren (wie DSM/ICD), sondern auch die zugrundeliegende psychische Struktur erfassen — jene Eigenschaften des psychischen Apparats, die bestimmen, wie jemand mit Belastungen, Beziehungen und innerem Konflikt umgehen kann.

Die vier OPD-Achsen

OPD-2 unterscheidet vier diagnostische Achsen:

Achse I: Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen

  • Wie erlebt der Patient sein Leiden?
  • Welche Veränderungsbereitschaft besteht?
  • Was sind persönliche Ressourcen?

Achse II: Beziehung

  • Wiederkehrende interpersonelle Muster
  • Beziehungsdynamik aus vier Perspektiven (Patient über sich, Patient über Andere, Andere über Patient, Andere über sich bei Patient)

Achse III: Konflikt

  • Sieben typische unbewusste Grundkonflikte
  • Z.B. Individuation vs. Abhängigkeit, Unterwerfung vs. Kontrolle, Versorgung vs. Autarkie

Achse IV: Struktur

  • Die zentrale Achse für unser System
  • Vier Niveaus struktureller Integration (s.u.)

Die vier Strukturniveaus

Die Achse IV operationalisiert die Kapazität der Psyche zur Selbst- und Objektrepräsentation, Beziehungsregulation, Impulssteuerung, innerem Raum. Vier Niveaus:

Hoch integriert (gut integriert)

  • Selbstwahrnehmung: differenziert, kohärent, Ambivalenz-tolerant
  • Selbstregulation: flexible Abwehr, angemessene Impulssteuerung
  • Beziehungsgestaltung: stabile, empathische Beziehungen
  • Kommunikation nach innen/außen: präzise, differenziert
  • Bindung: zuverlässige internalisierte Objekte
  • Klinisch: normale Neurosen, Anpassungsstörungen

Mäßig integriert

  • Selbstwahrnehmung: teilweise verzerrt, schwankende Selbstwerterleben
  • Selbstregulation: gelegentliche Regression, rigide Abwehr
  • Beziehungsgestaltung: konflikthafte, aber stabile Beziehungen
  • Bindung: ambivalente internalisierte Objekte
  • Klinisch: neurotische Störungen, leichtere Persönlichkeits­akzentuierungen

Gering integriert

  • Selbstwahrnehmung: oft verzerrt, starke Selbstwertschwankungen
  • Selbstregulation: primitive Abwehr (Spaltung, Projektion), Impulsdurchbrüche
  • Beziehungsgestaltung: instabil, idealisierend/entwertend
  • Bindung: instabile internalisierte Objekte
  • Klinisch: Persönlichkeits­störungen, Frühstörungen

Desintegriert

  • Selbstwahrnehmung: fragmentiert, mangelnde Selbst-Andere-Grenzen
  • Selbstregulation: Zusammenbruch unter Belastung
  • Beziehungsgestaltung: fragmentiert, oft paranoid
  • Bindung: kein stabiles internalisiertes Objekt
  • Klinisch: schwere Persönlichkeits­störungen, borderline strukturiertes Niveau

Primärquellen

Hauptwerke

Grundlegungs- und Validierungs-Artikel

OPD-Struktur-Fragebogen (OPD-SQ/OPD-SF)

Konvergenz mit DSM-5 AMPD

Kernberg als theoretische Verwandte

Verhältnis zur Mentalisierung

Warum wir OPD verwenden

1. Dimensionale Struktur-Erfassung

OPD ist eines der wenigen Diagnostik-Systeme, die Struktur dimensional (nicht kategorisch) erfassen. Das passt zu unserer Hybrid-Konfidenz-Architektur.

2. Coaching-Tauglichkeit

Strukturniveau ist weniger stigmatisierend als DSM-Diagnosen. Es beschreibt Kapazitäten, nicht Defizite. Im Coaching-Modus ist das ein zentraler Vorteil.

3. Meta-Parameter für Regel-Aktivierung

Das Strukturniveau bestimmt, welche anderen Regeln im System überhaupt anwendbar sind. Hoch-integrierte Strukturen erlauben tiefere Interventionen; gering-integrierte erfordern Stabilisierung zuerst.

4. Kompatibilität mit DSM-5 AMPD

Das Alternative Model for Personality Disorders (AMPD) im DSM-5 Section III verwendet eine ähnliche Struktur-Dimension (“Level of Personality Functioning Scale”, LPFS). OPD-Struktur und AMPD-LPFS konvergieren hoch.

Wie wir OPD im System verwenden

Strukturniveau-Schema

personality_structure:
  opd_level: "moderate"     # high | moderate | low | disintegrated
  opd_scores:
    self_perception:
      value: 2.5            # 1-4 (je höher, desto niedriger die Integration)
      aspects:
        differentiation: 2.3
        identity_stability: 2.7
        self_reflection: 2.5
    
    self_regulation:
      value: 3.0
      aspects:
        affect_tolerance: 2.8
        impulse_control: 3.2
        defense_flexibility: 3.0
    
    relationship_to_self:
      value: 2.8
      aspects:
        self_worth_regulation: 3.0
        self_care: 2.6
    
    relationship_to_others:
      value: 2.2
      aspects:
        empathy: 2.0
        binding_capacity: 2.4
        conflict_regulation: 2.2
  
  overall_level: 2.6         # gewichteter Mittelwert
  operationalization: "OPD-SQ (Ehrenthal et al. 2012)"
  confidence: {evidence: 0.75, generality: 0.7, specificity: 0.7}

Als Meta-Parameter für Regel-Aktivierung

Viele Regeln im System sind strukturniveau-abhängig:

rule: R-OPD-01
name: deep_reconsolidation_requires_adequate_structure
fires_when:
  all:
    - personality_structure.overall_level > 3.0  # niedrig integriert
then:
  - block_intervention: "deep_exile_work"
  - suggest_alternative: "stabilization_first"
source: "Rudolf 2013; Fonagy & Bateman 2016"
confidence: {evidence: 0.8, generality: 0.85}

Regel-Scope-Matrix nach Strukturniveau

Bestimmte Interventions-Regeln sind nur bei ausreichender Struktur aktiv:

InterventionsklasseHochMäßigGeringDesintegriert
Psychoedukation
Ressourcen-Aktivierung
Kognitive Umstrukturierung⚠️
Parts-Arbeit (Manager)⚠️
Parts-Arbeit (Exile-Zugang)
Unburdening / Reconsolidation⚠️
Tiefe Trauma-Arbeit⚠️

⚠️ = nur mit Stabilisierung + erfahrener Begleitung ✗ = Schaden-Risiko, primär Stabilisierung

Self-Access-Kapazität

Das Strukturniveau korreliert stark mit IFS-Self-Access-Kapazität. Bei hoher Integration ist Self fast jederzeit zugänglich; bei mäßiger Integration wechseln sich Self-Dominanz und Parts-Übernahmen ab; bei geringer Integration dominieren Parts und Self-Momente werden selten; bei Desintegration ist Self kaum erreichbar.

Siehe IFS.

Brücke zu anderen Frameworks

OPD ↔ IFS

Strukturniveau korreliert mit Parts-Rigidität und Self-Access:

OPDIFS
HochHoher Self-Access, flexible Parts
MäßigParts-Polarisationen, aber Self erreichbar
GeringParts-Fragmentierung, wenig Self
DesintegriertKein kohärenter Self, Parts-Chaos

Siehe framework_mappings.yaml → open_gaps → opd_ifs_parts_rigidity.

OPD ↔ Vaillant-Abwehr

Hohes Strukturniveau korreliert mit reifer Abwehr; niedriges mit primitiver.

OPD ↔ Bindungstheorie

Strukturniveau und Bindungsstil sind verwandt, aber nicht identisch. Disorganisierte Bindung korreliert mit niedrigem Strukturniveau, sichere Bindung mit mittlerem bis hohem — wobei sichere Bindung auch mit variablem Strukturniveau auftreten kann.

OPD ↔ Mentalisierung (Fonagy)

Strukturniveau und Mentalisierungs-Kapazität sind eng verknüpft. Mentalisierung (die Fähigkeit, eigenes und fremdes Verhalten in mentalen Zuständen zu verstehen) kollabiert bei niedriger Struktur.

Siehe Fonagy & Bateman 2016.

OPD ↔ Schematherapie

Youngs Schemas fragmentieren bei niedrigem Strukturniveau zu rigiden Modi. Hohes Strukturniveau ermöglicht flexiblere Schema-Arbeit.

Limitationen und Kritik

Deutschsprachige Dominanz

OPD ist im deutschsprachigen Raum etabliert, international weniger. Die englische Übersetzung (2008) hat die Verbreitung erhöht, aber die Literatur bleibt größtenteils deutsch.

Interrater-Reliabilität variabel

Die Zuverlässigkeit der OPD-Einschätzungen hängt stark vom Training der Rater ab. Der OPD-SQ als Self-Report ist reliabler, aber Selbstbericht-Bias bei niedrig integrierten Patienten.

Konkurrenz zu AMPD

Im DSM-5 AMPD ist eine ähnliche Struktur-Dimension operationalisiert. Beide Systeme konvergieren, aber es gibt eine Doppelentwicklung. Langfristig wird sich wahrscheinlich eine gemeinsame Terminologie durchsetzen.

Klinische vs. allgemein-psychologische Anwendung

OPD ist für klinische Populationen entwickelt. Die Anwendung auf nicht-klinische Populationen (Coaching, Charaktermodellierung) erfordert Vorsicht — die Skala reicht nach unten (schwere Pathologie), aber differenziert im mittleren Bereich weniger.

Verknüpfte Dokumente

Charaktersystem:

Andere Frameworks:

Ontologie:

  • framework_mappings.yaml → open_gaps → opd_ifs_parts_rigidity
  • evidence_classes.yaml → Klasse B

Primärquellen-Übersicht

ReferenzInhaltZugriff
Arbeitskreis OPD 2014OPD-2 Manual (deutsch)ISBN 978-3-456-85488-2
OPD Task Force 2008Manual (englisch)ISBN 978-0889373501
Cierpka et al. 2007OPD ValidierungDOI
Ehrenthal et al. 2012OPD-SQ FragebogenDOI
Zimmermann et al. 2012Strukturniveau + DSM-5 AMPDDOI
Zimmermann et al. 2019AMPD ReviewDOI
Kernberg 1984StrukturdiagnostikISBN 978-0300053494
Lingiardi & McWilliams 2017PDM-2ISBN 978-1462530558
Fonagy & Bateman 2016MentalisierungDOI