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Ethik-Filter — Coaching-Schutzschicht
Für den Coaching-Modus hat das System eine Output-Filter-Schicht, die blockiert, nicht vorschlägt. Ethik ist hier nicht Deko, sondern Architektur — strukturelle Absicherung gegen vorhersehbare Miss…
Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet
Kernidee
Für den Coaching-Modus hat das System eine Output-Filter-Schicht, die blockiert, nicht vorschlägt. Ethik ist hier nicht Deko, sondern Architektur — strukturelle Absicherung gegen vorhersehbare Missbrauchs-Pfade.
Dieses Prinzip ist ein Kernmerkmal eines Systems, das mit realen Menschen arbeitet. Es schützt vor fünf vorhersehbaren Drifts: Pathologisierung (Etikettieren statt Verstehen), Übergriffigkeit (Interventionen ohne Bereitschaft), Defizit-Fokussierung (Probleme sehen, Ressourcen übersehen), Pseudo-Präzision (Zahlen ohne Unsicherheitsanzeige) und Tradition-Vermischung (narrative Konstrukte als klinische Wahrheit).
Filter-Kategorien
1. Diagnose-Filter
Blockt diagnostische Labels im Output.
rule: ETH-01
name: no_diagnostic_labels
scope: coaching_mode
type: output_filter
blocks_output_containing:
- "narzisstisch"
- "borderline"
- "pathologisch"
- "gestört"
- "Störung"
- "dysfunktional" (als Diagnose-Label)
- "PTBS" (außerhalb klinisch-medizinischer Kontexte)
- "Depression" (als Diagnose)
- "krank"
replace_with_descriptive:
"narzisstisch": "hoch selbstbezogen, gering in Einfühlung"
"borderline": "emotional labil mit Bindungsschwankungen"
"pathologisch": "deutlich ausgeprägt, beeinträchtigend"
"gestört": "in einem Muster, das belastet"
rationale: |
Labels pathologisieren und fixieren. Beschreibung respektiert Agency
und öffnet Raum für Veränderung.
source:
- "Rogers 1961 — nicht-pathologisierende Grundhaltung"
- "APA Code of Ethics 2017 — Standard 9.06" 2. Readiness-Gate
Vor Interventions-Vorschlägen wird die Bereitschafts-Stufe geprüft.
rule: ETH-02
name: readiness_gate
scope: coaching_mode
type: output_filter
requires_before_suggesting_intervention:
- property: "stages_of_change.current_stage"
operator: "∉"
value: ["precontemplation"]
blocks_otherwise: true
alternative_suggestion_for_precontemplation:
- method: "Consciousness Raising"
description: "Psychoedukation über das Muster, ohne Druck zur Veränderung"
source: "Prochaska & DiClemente 1983"
- method: "Motivational Interviewing"
description: "Ambivalenz erkunden, Change Talk elizitieren"
source: "Miller & Rollnick 2013"
rationale: |
Prochaska et al.: Intervention vor Contemplation verhärtet Widerstand
und kann Schaden anrichten. In Precontemplation sind nur
bewusstseins-erweiternde Ansätze indiziert.
source:
- "Prochaska & DiClemente 1983"
- "Norcross, Krebs & Prochaska 2011" 3. Ressourcen-Orientierung
Jeder Output muss Stärken/Ressourcen benennen, nicht nur Defizite.
rule: ETH-03
name: resource_orientation
scope: both # Coaching + Story
type: output_mandate
requires_every_output_to_include:
- strengths_activated_in_scenario
- available_resources
- protective_functions_acknowledged # Parts haben Schutzfunktion
rationale: |
Defizit-only Output stigmatisiert und aktiviert keine Change-Potentiale.
Ressourcen-Fokus ist Kern der Positive Psychology und Salutogenese.
source:
- "Seligman 2011 — Flourish"
- "Antonovsky 1987 — Unraveling the Mystery of Health"
- "Schwartz 2021 — No Bad Parts (Schutzfunktion von Parts)" 4. Modell-Demut
Konfidenz muss sichtbar sein.
rule: ETH-04
name: model_humility
scope: both
type: output_mandate
requires_every_output_to_include:
- confidence_aggregate
- uncertainty_sources (wenn dominant source identifizierbar)
disclaimer_if_tier_gt_2: |
"Modell-Artefakt — Hypothese auf Basis mehrstufig propagierter Regeln.
Keine Aussage über den realen Menschen."
disclaimer_if_aggregate_below_0_4: |
"Niedrige Konfidenz — diese Einschätzung ist spekulativ.
Exploratorische Verwendung, nicht Entscheidungs-Grundlage."
rationale: |
Demut eingebaut, nicht optional. Schutz vor Pseudo-Präzision,
die in Pygmalion-Effekten und falschen Therapeuten-Sicherheiten resultieren kann.
source:
- "APA Evidence-Based Practice Task Force 2006"
- "Oxford CEBM Levels of Evidence — Unsicherheit als erste Klasse" 5. Evidenzklassen-Filter
Klasse-D-Module (narrative/kulturell) sind im Coaching-Modus gesperrt.
rule: ETH-05
name: evidence_class_filter
scope: coaching_mode
type: module_filter
allowed_classes: [A, B]
conditional_classes: [C]
forbidden_classes: [D]
caveat_display_required_for: [C]
caveat_format: |
"'{concept}' ist ein klinisch etabliertes, aber empirisch limitiert
validiertes Konzept. Es dient hier als heuristisches Hilfsmittel."
rationale: |
Narrative Konstrukte ohne empirische Basis (Klasse D) dürfen in
echter Coaching-Arbeit mit Menschen nicht als Erklärungsgrundlage
verwendet werden. Es würde narrative Vereinfachung mit klinischer
Wahrheit verwechseln.
source:
- "evidence_classes.yaml in diesem System" 6. Struktur-Check vor Tiefenarbeit
Interventionen nach Strukturniveau gefiltert.
rule: ETH-06
name: structure_level_intervention_filter
scope: coaching_mode
type: intervention_filter
rules:
- when: "personality_structure.opd_level == 'disintegrated'"
forbid_interventions: ["exile_work", "deep_trauma_processing", "unburdening"]
allow_only: ["psychoeducation", "stabilization", "resource_activation"]
- when: "personality_structure.opd_level == 'low'"
warn_interventions: ["exile_work", "trauma_processing"]
require: ["therapeutic_alliance_score >= 0.7", "professional_support"]
- when: "state.window_of_tolerance.baseline < 50"
forbid_interventions: ["deep_activation_work"]
allow_only: ["stabilization", "regulation_building"]
rationale: |
Tiefe Interventionen bei ungeeigneter Strukturkapazität können
dekompensieren. Stabilisierung ist Voraussetzung.
source:
- "OPD-2 2014"
- "Fonagy & Bateman 2016"
- "Ogden, Minton & Pain 2006" 7. Informed Consent Simulation
Wichtige Interventions-Vorschläge werden mit erklärendem Kontext versehen.
rule: ETH-07
name: informed_consent_framing
scope: coaching_mode
type: output_mandate
for_intervention_suggestions:
include:
- expected_mechanism # Wie soll die Intervention wirken?
- expected_effects # Was ist der erwartete Effekt?
- possible_risks # Welche Risiken bestehen?
- alternatives # Welche Alternativen gibt es?
- what_to_watch_for # Was sollte beobachtet werden?
rationale: |
Analog zu medizinischem Informed Consent. Auch in Coaching-Arbeit
sollten Menschen verstehen, was passiert und warum — bevor sie
zustimmen.
source:
- "APA Code of Ethics 2017 — Informed Consent Standards"
- "ICF Core Competencies 2019" Order of Operations
Ethik-Filter feuern immer zuletzt — nach allen inhaltlichen Regeln. Sie können Outputs unterdrücken (Blockierung, z.B. diagnostische Labels), modifizieren (Sprach-Austausch, Label-Ersatz, z.B. “narzisstisch” → deskriptiv) oder ergänzen (Caveats, Ressourcen-Hinweise, z.B. Konfidenz-Disclaimer).
Konkrete Pipeline
content_generation
│
▼
inhaltliche_regeln (RDoC, OCC, IFS...)
│
▼
propagation_cascade (Layer-Propagation)
│
▼
output_formatting
│
▼
ETHIK-FILTER-LAYER
├─ ETH-01: no_diagnostic_labels
├─ ETH-02: readiness_gate
├─ ETH-03: resource_orientation
├─ ETH-04: model_humility
├─ ETH-05: evidence_class_filter
├─ ETH-06: structure_level_filter
└─ ETH-07: informed_consent_framing
│
▼
final_output Audit-Logging
Jeder Filter-Hit wird geloggt:
ethics_audit_log:
- timestamp: "2026-04-20T14:23:11Z"
filter: "ETH-01"
triggered_by: "Output-Generation für Szene S-042"
blocked_content: "narzisstische Züge"
replaced_with: "hoch selbstbezogen, gering in Einfühlung"
context: "coaching_mode" Das dient der Transparenz (der User kann sehen, wo der Filter greift), dem Audit (bei späteren Fragen, warum ein Output anders ausfiel) und der Weiterentwicklung (Filter-Regeln können anhand realer Cases verbessert werden).
Beispiel-Szenario — Filter in Aktion
Input
Coach fragt: “Wie würdest du Kai’s Muster beschreiben?”
Ohne Filter (unzensiert)
Kai zeigt deutlich narzisstische Züge und hat eine gestörte Bindung. Sein perfektionistisches Muster ist pathologisch. Er sollte sofort anfangen, an seinem Schatten zu arbeiten.
Nach Ethik-Filter
Kai hat ein hoch selbstbezogenes Muster mit einer vermeidenden Bindungstendenz. Sein Perfektionismus ist ausgeprägt und scheint Schutz vor einer tiefen Scham-Empfindlichkeit zu bieten.
Stärken, die im Muster sichtbar werden:
- hohe Gewissenhaftigkeit und Fokus
- Fähigkeit zur Reflexion (siehe Szenen X, Y)
- Bereitschaft, sich zu zeigen (in den letzten Gesprächen)
Aktuelle Bereitschafts-Phase: Contemplation — er erkennt das Muster, ist aber ambivalent.
Mögliche nächste Schritte (keine Handlungsanweisung):
- Psychoedukation: Wie entstehen Perfektionismus-Muster?
- Erkundung der Schutzfunktion — wovor schützt das Muster ihn?
- Motivational Interviewing zur Ambivalenz
Konfidenz Gesamt-Einschätzung: 0.58. Vor Interventionen individuelle Exploration.
Das ist keine kosmetische Sprachverschönerung — es ist ein qualitativ anderes, ethisch robusteres Output.
Warum diese Trennung architektonisch ist
Ohne strukturelle Filter entstehen vorhersehbare Schaden-Pfade:
- Diagnose-Drift: Alltägliche Beschreibungen werden zu klinischen Labels → Klient internalisiert Labels → Identitäts-Fixierung
- Premature-Intervention-Drift: Coach empfiehlt zu schnell Tiefenarbeit → Klient dekompensiert → Vertrauensverlust
- Defizit-Fokus-Drift: Output listet nur Probleme → Klient fühlt sich pathologisiert → Motivation sinkt
- Pseudo-Präzision-Drift: System gibt Zahlen wie “Wunde-Intensität 0.72” → Coach behandelt sie als Wahrheit → Fehlsteuerung
Der Filter ist eingebaute Immunisierung gegen diese Drifts.
Der Filter ist nicht perfekt
Grenzen des Filters
Keine Blacklist kann alle möglichen diagnostischen Labels erfassen. Semantische Paraphrasen können Filter umgehen (“narzisstisch” → “ich-zentriert” — beides ist eigentlich Beschreibung). Und automatisierte Filter können Kontext nicht immer korrekt einschätzen.
Erweiterungs-Strategie
Drei Strategien halten den Filter lebendig: ein lernendes Blacklist-Update (neue problematische Terme werden aus Audit-Logs identifiziert), kontext-sensitive Filter (z.B. klinische Terminologie erlaubt in klinischen Supervisions-Kontexten) und regelmäßige Filter-Reviews mit klinischer und ethischer Expertise.
Ethik-Filter vs. Zensur
Wichtige Unterscheidung: Die Filter sind keine Zensur, sondern Disziplin. Sie verhindern nicht, dass das System komplexe psychische Muster beschreibt. Sie verlangen, dass die Beschreibung nicht-pathologisierend, respektvoll und konfidenz-transparent ist — und sie schützen den Coach vor eigenen unreflektierten Mustern (z.B. vorschneller Diagnose).
Belegbasis
- APA Ethics Code: APA 2017, Ethical Principles of Psychologists
- ICF Ethics for Coaching: International Coach Federation Code of Ethics
- Humanistic Grundhaltung: Rogers 1961 — On Becoming a Person
- Stages of Change: Prochaska & DiClemente 1983
- Motivational Interviewing: Miller & Rollnick 2013
- Positive Psychology: Seligman 2011
- Salutogenese: Antonovsky 1987
- Informed Consent: Pomerantz & Handelsman 2004, Informed Consent Revisited, Professional Psychology: Research and Practice 35(2), 201–205
- OPD Struktur-Diagnostik: Arbeitskreis OPD 2014
- Non-Pathologizing Psychiatry: Parnas 2014, The RDoC program: psychiatry without psyche?
Verknüpfungen
Charaktersystem:
- 00-overview.md — Leitprinzip Ethik-Strukturalität
- 07-konfidenz-modell.md — Konfidenz als Input zum Filter
- 10-reconsolidation.md — Readiness-Prüfung für Tiefenarbeit
- 11-output-modi.md — nachgelagerte Filter
- 12-coaching-vs-story.md — Modus-Unterscheidung
Frameworks:
- Stages of Change Prochaska — Readiness-Gate-Basis
- OPD-Strukturniveau — Intervention-Level-Filter
- Rogers-Selbstkonzept — nicht-pathologisierende Grundhaltung
- IFS — Parts-Würdigung statt Bekämpfung
Ontologie:
- evidence_classes.yaml — Klassen-Aktivierung nach Modus