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Schichten-Modell — Volatilitäts-Hierarchie

Jedes Feld des Charaktersystems gehört zu einer von acht Volatilitäts-Ebenen. Die Ebene bestimmt, wie schnell sich das Feld ändern kann, welche anderen Ebenen es beeinflusst und welche Regeln im Ru…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet

Kernidee

Jedes Feld des Charaktersystems gehört zu einer von acht Volatilitäts-Ebenen. Die Ebene bestimmt, wie schnell sich das Feld ändern kann, welche anderen Ebenen es beeinflusst und welche Regeln im Rule-Engine auf ihm greifen dürfen.

Das Schichten-Modell ist kein rein technisches Ordnungsprinzip — es spiegelt die psychologische und neurobiologische Stabilitätshierarchie wider: Körper und Temperament ändern sich über Jahrzehnte, State über Minuten.

Die acht Ebenen im Überblick

EbeneVolatilityZeitskalaInhaltPrimär-Frameworks
L0 Körper/SomaanchorLebenslangKörperbau, Temperament-Basis, Soma-SignaturenKonstitutionsforschung, Temperament-Psychologie
L1 TraitsanchorJahreHEXACO-Faktoren, StrukturniveauHEXACO, OPD
L2 Werte/BedürfnissestableMonate–JahreSchwartz-Werte, Bindungsstil, Grawe-BedürfnisseSchwartz, Bindung, Grawe
L3 Narrativ-KernmalleableMonate (Therapie)Psyche-Schichten, narrative_identity, SchemasIFS, McAdams, Rogers, Schematherapie
L4 Schutz/MusteradaptiveWochenParts, Abwehrmechanismen, Distortions, EmotionsregulationIFS, Vaillant, Beck, Gross
L5 Beziehung/SelbstadaptiveWochenSelbstbild-Schichten, RelationshipsRogers, Bindungstheorie
L6 VerhaltenreactiveTageSpeech, Embodiment-Expression, Routinen
L7 StatereactiveMinuten–StundenWindow of Tolerance, Polyvagal-Zustand, aktive PartsWoT, Polyvagal

Die Ebenen im Detail

L0 — Körper / Soma (anchor)

Was: Körperbau, Temperament-Basis, somatische Signaturen (Atem-Muster, Gestik-Repertoire, Mimik-Tendenzen).

Warum anchor: Biologische Grundausstattung. Körperbau ändert sich nicht, Temperament nur minimal (Rothbart 2011).

Konsequenzen: Diese Ebene bildet die Basis für autonome Aktivierung (→ L7), Trait-Entwicklung (L1) baut auf Temperament auf, und der Embodiment-Ausdruck (L6) hat hier seine Vorlage.

L1 — Traits (anchor)

Was: HEXACO-Faktoren und Facetten, OPD-Strukturniveau.

Warum anchor: Traits gelten ab ca. 30 Jahren als relativ stabil (Roberts & DelVecchio 2000). Interventionen können sie um 0.3-0.5 SD über Monate verschieben (Roberts et al. 2017), aber nicht in Wochen.

Konsequenzen: Traits konditionieren Appraisal-Schwellen in FAtiMA/OCC, modulieren die Sensitivität der RDoC-Domänen (Shackman et al. 2016) und bestimmen die Grundausstattung für Parts-Muster.

L2 — Werte und Bedürfnisse (stable)

Was: Schwartz-Werte-Hierarchie, Bindungsstil (ECR-R-Dimensionen), Grawe-Bedürfnis-Ausprägungen.

Warum stable: Verändert sich über Monate bis Jahre. Bindungsstil kann durch lange therapeutische Beziehung zu earned security verschoben werden (Main, Hesse & Kaplan 2005). Werte-Hierarchie bleibt oft lebenslang weitgehend stabil (Bardi & Schwartz 2003).

Konsequenzen: Diese Ebene treibt Motivation und Relevanz-Zuweisung, bestimmt Trigger-Schwellen für relationale Situationen, und Wert-Konflikte erzeugen dramatisches Potential (siehe 09-feedback-loops.md).

L3 — Narrativ-Kern (malleable)

Was: Psyche-Schichten (Wunde, Lüge, Maske, Schatten, Wunsch, Bedürfnis, Angst, Sehnsucht), McAdams’ Narrative Identity, Young’s Early Maladaptive Schemas.

Warum malleable: Veränderlich durch Reconsolidation-basierte Therapie (Ecker 2018). Zeithorizont: Monate.

Konsequenzen: Diese Ebene organisiert Lebensgeschichte und Meaning-Making, bildet das “Skript” für Parts (L4) und ist primäres Change-Target in Tiefenarbeit.

L4 — Schutz und Muster (adaptive)

Was: IFS-Parts (Manager, Firefighter, Exile), Abwehrmechanismen (Vaillant-Reifehierarchie), Cognitive Distortions, Emotionsregulations-Strategien (Gross).

Warum adaptive: Parts können sich über Wochen umorganisieren. Abwehrmechanismen-Reife entwickelt sich im Lebensverlauf (Vaillant 2012).

Konsequenzen: L4 ist der unmittelbarste Handlungs-Modulator, primäres Ziel der meisten Interventionen und stellt die Mikro-Mechanismen für das bereit, was der Beobachter “sieht”.

L5 — Beziehung und Selbst (adaptive)

Was: Selbstbild-Schichten (Ideal/Self/Real/Others-View/Diskrepanz), konkrete Relationships mit sentiment/bindung/vertrauen.

Warum adaptive: Beziehungszustände wechseln über Wochen; Selbstbild-Schichten reagieren auf wiederholte Erfahrungen.

Konsequenzen: L5 repräsentiert die aktuelle soziale Realität des Charakters und bildet die Brücke zwischen innerer Welt (L3–L4) und Verhalten (L6).

L6 — Verhalten (reactive)

Was: Speech-Muster, Embodiment-Ausdruck, Routinen, situatives Verhalten.

Warum reactive: Tagestakt, direkt beobachtbar, kontextabhängig.

Konsequenzen: Hier wird das System für andere sichtbar — und weil L6 direkt beobachtbar ist, ist es auch direkt veränderbar (Verhaltenstherapie).

L7 — State (reactive)

Was: Aktueller Window of Tolerance, Polyvagal-Zustand, aktive Parts, momentane Tension, aktive Distortions.

Warum reactive: Minuten bis Stunden. Trigger kann State in Sekunden verschieben.

Konsequenzen: L7 bestimmt die momentan verfügbaren Regulations-Strategien und kann kurzzeitig höhere Ebenen übersteuern (Override-Regel).

Die drei Meta-Regeln

Meta-Regel 1: Untere Ebenen konditionieren obere

Eine hohe HEXACO-Emotionality (L1) erhöht die Neigung zu Distress-Distortions (L4) — auch wenn die Ziel-Regeln auf L4 isoliert keinen direkten Grund dafür haben.

Das ist das Standard-Propagations-Muster: Ebene N konditioniert Ebene N+1. Beispiele sind L0 Temperament → L1 Trait-Entwicklung, L1 HEXACO-Emotionality → L4 Reappraisal-Kapazität, L2 Bindungsstil → L4 Regulations-Strategien, L2 Grundbedürfnis-Frustration → L3 Wunden-Entwicklung und L3 Lüge → L4 Part-Aktivierung.

Meta-Regel 2: Obere Ebenen wirken auf untere nur durch wiederholte korrigierende Erfahrung

Das ist die Hebb’sche Plastizität als System-Meta-Regel. Ein einzelnes Reappraisal-Erleben (L4) verändert HEXACO (L1) nicht. Erst Hunderte, über Monate, hinterlassen Spuren.

Theoretische Grundlage:

Praktische Implikation: Reconsolidation braucht Wiederholung (→ 10-reconsolidation.md), Trait-Change braucht Monate mit konsistenten Interventionen (Roberts et al. 2017) und Earned Security braucht eine stabile, lange therapeutische Beziehung.

Meta-Regel 3: State (L7) kann kurzzeitig höhere Ebenen übersteuern

Wenn WoT.current unter floor fällt, ist Reappraisal-Kapazität (L4) blockiert, unabhängig vom Baseline-Niveau. Das ist die Regulation-Override-Regel.

Theoretische Grundlage:

Praktische Implikation: Viele “rationale” Strategien (L4) versagen in akuter Stress-Aktivierung (L7). Erste Intervention bei Hyperarousal ist Regulation, nicht Einsicht; State-Monitoring ist essenziell für effektives Handeln.

Visualisierung der Wirkungs-Richtungen

      Konditionierung (schnell, direkt)
      ─────────────────────────────────▶
  L0 → L1 → L2 → L3 → L4 → L5 → L6 → L7
      ◀─────────────────────────────────
      Wirkung (langsam, durch Wiederholung)
                  
                  Override
              ─────────────────▶
                                L7 kann L4-L6 übersteuern

Wie Regeln Ebenen durchqueren

Regeln im System werden einer primären Ebene zugeordnet, aber sie können auf benachbarte Ebenen Effekte haben:

rule: R-E-01
name: hexaco_emotionality_dampens_reappraisal
primary_layer: L4   # Emotionsregulation
reads_from: L1      # HEXACO-Emotionality
writes_to: L4       # Reappraisal-Kapazität
confidence: {evidence: 0.75, generality: 0.85, specificity: 0.7}

Der Regel-Schreib-Scope ist schichtweise eingeschränkt: Layer 0 erlaubt Schreibzugriffe praktisch nie (nur durch biologische Ereignisse), Layer 1 selten (nur durch Langzeit-Muster nach Meta-Regel 2), Layer 2 moderat (durch wiederholte Event-Muster), Layer 3 regelmäßig (durch signifikante Events), Layer 4–5 häufig (normaler Regel-Betrieb) und Layer 6–7 ständig (in jedem Szenen-Schritt).

Volatilitäts-Parameter im Ontologie-Schema

Jede Eigenschaft in der _ontology.yaml trägt einen volatility-Wert:

properties:
  hexaco.emotionality:
    layer: L1
    volatility: anchor
    range: [0, 100]
    category: trait
  
  emotion_regulation.reappraisal.capacity:
    layer: L4
    volatility: adaptive
    range: [0, 100]
    category: skill
    derived: true
  
  state.window_of_tolerance.current:
    layer: L7
    volatility: reactive
    range: [0, 100]
    category: state

Der Rule-Engine-Validator prüft, dass Regeln nicht versuchen, über ihre erlaubten Ebenen hinauszuschreiben.

Wie Events durch die Schichten wandern

Ein Event durchläuft die Schichten typischerweise in dieser Reihenfolge (siehe 03-kaskade.md):

  1. Sensorische Wahrnehmung (L0 Körper, Soma)
  2. RDoC-Valence-Aktivierung (L7 State)
  3. FAtiMA/OCC-Appraisal (L4, modulation durch L1/L2)
  4. IFS-Part-Aktivierung (L4, basierend auf L3)
  5. Reaktion: Embodiment + Speech (L6)
  6. Relationship-Update (L5)
  7. Akkumuliertes Narrativ-Update (L3, bei ausreichender imprint_strength)
  8. Trait-Drift (L1, nur bei wiederholter Muster-Erfahrung über Monate)

Nicht jedes Event erreicht alle Schichten — die meisten bleiben auf L5/L6/L7, nur signifikante Events propagieren nach L3, nur extreme und wiederholte nach L1.

Belegbasis

Verknüpfungen

Charaktersystem:

Frameworks:

Offene Entwicklungspunkte

  • Exakte numerische Volatilitäts-Skala (0..1) als Ergänzung zu den diskreten Labels
  • Regel-Scope-Matrix: formal spezifizierte Schreib-Erlaubnisse pro Ebene
  • Ontologie-Implementierung: _ontology.yaml als maschinenlesbare Strukturdefinition