// Charaktersystem
Psyche-Schichten — Wunde, Lüge, Maske, Selbstbild
Die Psyche-Schichten modellieren die narrative Tiefenstruktur des Charakters. In der Storytelling-Tradition als Wunde-Lüge-Maske bekannt, sind sie im Charaktersystem mehrschichtig ausgearbeitet — m…
Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet
Kernidee
Die Psyche-Schichten modellieren die narrative Tiefenstruktur des Charakters. In der Storytelling-Tradition als Wunde-Lüge-Maske bekannt, sind sie im Charaktersystem mehrschichtig ausgearbeitet — mit expliziter Übersetzung in die klinisch validierte IFS-Terminologie für den Coaching-Modus.
Die Psyche-Schichten sind die narrative Interpretation der Parts-Architektur. Beide Perspektiven — Story und Klinik — zeigen dasselbe psychische System, nur in unterschiedlicher Sprache.
Die zwei Schicht-Gruppen
Gruppe A: Psyche (Wunde-Lüge-Maske)
Die Storytelling-Tradition (Weiland, Truby, Snyder) beschreibt acht verknüpfte narrative Elemente:
psyche:
wunde: "..." # prägendes Erlebnis, das alles andere geprägt hat
luege: "..." # falsche Überzeugung, die aus der Wunde entstand
maske: "..." # wie er sich der Welt zeigt (Schutz vor Lüge)
schatten: "..." # was er an sich nicht akzeptiert (verdrängt)
wunsch: "..." # externes Ziel (Want), getrieben von der Lüge
beduerfnis: "..." # interne Wahrheit (Need), die ihn befreien würde
angst: "..." # was er vermeidet (Aktivierung der Wunde)
sehnsucht: "..." # tiefste, unausgesprochene Hoffnung Gruppe B: Selbstbild-Schichten (Rogers/Higgins)
Die humanistische Tradition beschreibt fünf Selbst-Repräsentationen:
selbstbild:
idealbild: "..." # Wer er sein möchte (aus Lüge abgeleitet)
selbstbild: "..." # Wer er glaubt zu sein (Maske von innen)
realbild: "..." # Wer er unter Druck ist (Schatten sichtbar)
fremdwahrnehmung: "..." # Wie andere ihn sehen
diskrepanz: "..." # dramatischer Knackpunkt zwischen allen Vollständiges Schema mit Ableitungslogik
psyche:
wunde:
narrative_text: "Öffentliche Demütigung durch Lehrerin im ersten Schuljahr"
derivation_source:
- events: ["E-007", "E-019"]
- grawe_needs_chronic_frustration: ["self_esteem", "attachment"]
ifs_equivalent: "exile.EX-001" # Coaching-Sprache
evidence_class: "B (via IFS)"
luege:
narrative_text: "Wenn ich sichtbar fehlerhaft bin, werde ich verstoßen"
derivation_source:
- wunde: "E-007"
- hexaco.emotionality: 0.78 (verstärkt Interpretation)
ifs_equivalent: "exile_belief"
maske:
narrative_text: "Der kontrollierte Intellektuelle, der nie Fehler zeigt"
derivation_source:
- luege
- hexaco.extraversion: 0.55
- hexaco.honesty_humility: 0.45
ifs_equivalent: "protective_part.P-001 (Manager — Perfektionist)"
schatten:
narrative_text: "Verletzlichkeit, Spontaneität, Lust zu scheitern"
derivation_source:
- luege (Gegenteil dessen, was erlaubt ist)
- hexaco_minima_under_stress
ifs_equivalent: "firefighter oder verdrängter exile"
wunsch:
narrative_text: "Als kompetenter Experte anerkannt werden"
derivation_source:
- luege
- desires[]
classification: "Want (nach Truby)"
beduerfnis:
narrative_text: "Angenommen werden, auch wenn fehlerhaft"
derivation_source:
- grawe_needs.attachment (erfüllt)
- grawe_needs.self_esteem (nicht-kontingent erfüllt)
classification: "Need (nach Truby)"
angst:
narrative_text: "Öffentliche Demütigung, Scham, Ausgrenzung"
derivation_source:
- fears[]
- grawe_needs.attachment (Minima)
sehnsucht:
narrative_text: "Unbeschwerte, lustvolle Lebendigkeit ohne Performance"
derivation_source:
- desires[]
- grawe_needs.pleasure (idealisiert)
selbstbild:
idealbild:
narrative_text: "Jemand, der immer Kontrolle hat und nichts zeigt"
higgins_type: "ideal_self"
affect_if_distant: "Traurigkeit, chronische Enttäuschung (dejection)"
derivation_source:
- psyche.luege
- desires[]
selbstbild:
narrative_text: "Jemand, der sein Leben managt, manchmal überfordert"
higgins_type: "actual_self_as_perceived"
derivation_source:
- psyche.maske (von innen)
- hexaco.honesty_humility
realbild:
narrative_text: "Jemand, der tief erschöpft ist und sich nach Ruhe sehnt"
higgins_type: "actual_self_under_stress"
derivation_source:
- psyche.schatten
- hexaco_under_stress
- grawe_needs.Überlebenstrieb
ought_bild: # Higgins-Erweiterung
narrative_text: "Jemand, der die Familie versorgt und zuverlässig ist"
higgins_type: "ought_self"
affect_if_distant: "Angst, Schuld (agitation)"
derivation_source:
- introjizierte_Verantwortungen
- schwartz_values: [security, conformity]
fremdwahrnehmung:
narrative_text: "Viele sehen ihn als kontrolliert und leicht distanziert"
derivation_source:
- psyche.maske
- relationships.sentiment_label
- speech_patterns
diskrepanzen:
ideal_actual:
size: 0.7
affect_pattern: "Traurigkeit, chronische Enttäuschung (Higgins dejection)"
ought_actual:
size: 0.5
affect_pattern: "Angst, Schuld (Higgins agitation)"
self_other:
size: 0.4
dramatic_handle: "Er weiß nicht, dass man seine Erschöpfung sieht" Ableitungs-Kette im Detail
history + grawe_needs → wunde
Die Wunde emergiert aus chronisch unerfüllten Grundbedürfnissen (z.B. dauerhaft niedrigem grawe_needs.self_esteem als Frustrations-Pattern) kombiniert mit spezifischen Events von hohem imprint_strength. Daraus formt sich die konkrete Wunde-Formulierung.
wunde + hexaco → luege
Die Wunde wird durch Persönlichkeits-Dispositionen spezifisch interpretiert: Hohe Emotionality führt zu einer katastrophisierenden Interpretation (“werde verstoßen”), niedrige Openness zu einer rigiden Interpretation, und hohe Conscientiousness zu einer leistungs-kontingenten Interpretation.
luege → maske + schatten
Aus der Lüge entstehen zwei komplementäre Seiten. Die Maske ist, was gezeigt wird, um die Lüge zu “lösen”; der Schatten ist, was verdrängt wird, weil es die Lüge bestätigen würde. Das ist die Jungianische Komplementarität: Persona und Schatten als spiegelbildliche Konstrukte.
luege → wunsch / grawe → beduerfnis
Wunsch (Want) ist das externe Ziel, das die Lüge zu “lösen” verspricht (“Wenn ich X erreiche, bin ich wertvoll”). Bedürfnis (Need) ist die innere Wahrheit, die unabhängig von Leistung existiert. Diese Unterscheidung stammt aus Truby (“Psychological vs. Moral Need”) und ist die dramaturgische Kern-Spannung des Character Arcs.
luege → idealbild, maske → selbstbild, schatten → realbild
Die Rogers’sche Struktur entsteht aus der Psyche-Schicht: Das Idealbild ist die Wunscherfüllung der Lüge (“Wer ich sein müsste”), das Selbstbild ist die Maske von innen (“Wer ich glaube zu sein”), und das Realbild ist Schatten plus Stress-Verhalten (“Wer ich unter Druck bin”).
Die zwei Modi — gleiche Struktur, andere Sprache
Storytelling-Modus
Nutzt die direkten Begriffe Wunde/Lüge/Maske. Diese sind literarisch kraftvoll, aber Evidenzklasse D — keine klinische Validität.
Beispiel-Output:
Kai’s Wunde aus dem ersten Schultag hat ihn in die Lüge gebracht, dass Sichtbarkeit gefährlich ist. Seine Maske — der kontrollierte Intellektuelle — schützt diese Wunde seit 30 Jahren.
Coaching-Modus
Nutzt ausschließlich IFS-Terminologie. Die Substanz ist identisch, die Sprache klinisch validiert.
Beispiel-Output:
Ein Exile aus frühen Schulerfahrungen trägt die Überzeugung, dass Sichtbarkeit zu Ausschluss führt. Ein Manager-Part — perfektionistisch, intellektualisierend — schützt diesen Exile seit Jahrzehnten durch präventive Kontrolle.
Diese Übersetzung ist nicht kosmetisch — sie sichert die ethische Integrität der Coaching-Arbeit. Siehe framework_mappings.yaml → wound_lie_mask_ifs.
Higgins’ Diskrepanzen und Affekt-Profile
Higgins 1987 zeigte empirisch: unterschiedliche Diskrepanzen produzieren unterschiedliche Affekt-Muster.
| Diskrepanz | Typischer Affekt |
|---|---|
| Ideal ↔ Actual | Traurigkeit, Enttäuschung, Entmutigung (dejection-related) |
| Ought ↔ Actual | Angst, Schuld, Anspannung (agitation-related) |
| Beide groß | Gemischte dysphorische Zustände |
Diese Unterscheidung ist klinisch präziser als Rogers’ einfache Inkongruenz — daher die Higgins-Erweiterung im System.
Diskrepanz als dramatische Spannungsquelle
Die selbstbild.diskrepanzen sind keine Fehler, sondern dramatische Energie. Die Ideal-Actual-Gap erzeugt kontinuierliche Unzufriedenheit — dramaturgisch den Antrieb, “besser werden zu müssen”. Die Ought-Actual-Gap erzeugt Schuld und Angst — dramaturgisch den Konflikt zwischen Pflicht und Wahrheit. Die Self-Other-Gap erzeugt Einsamkeit (“Niemand kennt mich wirklich”) und dramaturgisch den Moment, wenn die Maske fällt.
Narrative Identity Integration
Die Psyche-Schichten integrieren sich mit McAdams’ Narrative Identity: Die Wunde ist eine Self-Defining Memory mit negativer Valenz, die Lüge die Contamination-Interpretation dieser Memory, die Maske das Agency-Thema der Lebensgeschichte, das Bedürfnis das (bisher verdrängte) Communion-Thema, und der Character Arc ist der Übergang von Contamination zu Redemption Sequence.
Charakterentwicklung als Schichten-Transformation
Ein positiver Character Arc bewegt sich von Luege-Dominanz zu Bedürfnis-Integration:
arc_start:
psyche_dominance: luege
maske_rigidity: 0.85
beduerfnis_access: 0.1
selbstbild.diskrepanzen.ideal_actual: 0.7
arc_end:
psyche_dominance: beduerfnis
maske_rigidity: 0.3
beduerfnis_access: 0.7
selbstbild.diskrepanzen.ideal_actual: 0.3
new_narrative: "Ich darf fehlerhaft gesehen werden und trotzdem dazugehören" Der Weg dorthin: Reconsolidation der Wunde → Auflösung der Lüge → Maske wird weniger notwendig → Zugang zu Bedürfnis → neues Selbstbild. Siehe 10-reconsolidation.md.
Visualisierung der Schichten
┌─────────────────┐
│ FREMD- │
│ WAHRNEHMUNG │
│ (L5) │
└─────────────────┘
↑
speech_patterns + relationships
↑
┌─────────────────┐
│ MASKE │ ←→ IDEALBILD
│ (Manager) │ (aus Lüge)
│ (L4) │
└─────────────────┘
↑
┌─────────────────┐
│ SELBSTBILD │ SCHATTEN → REALBILD
│ (Maske innen) │ ↓
│ (L5) │ (L4/L5)
└─────────────────┘
↑
┌─────────────────┐
│ LÜGE │ ←→ WUNSCH (Want)
│ (Exile-Belief)│
│ (L3) │
└─────────────────┘
↑
┌─────────────────┐
│ WUNDE │ ←→ BEDÜRFNIS (Need)
│ (Exile) │ (nicht-kontingent)
│ (L3) │
└─────────────────┘
↑
events + grawe_needs Belegbasis
- Psyche-Schichten (Storytelling): Weiland 2016, Truby 2008 — Klasse D
- Wunde-Lüge-Maske ↔ IFS-Übersetzung: framework_mappings.yaml — Klasse B nach Übersetzung
- Selbstbild-Schichten: Rogers 1959, 1961 — Klasse B
- Higgins-Diskrepanzen: Higgins 1987 — Klasse A
- Want vs. Need: Truby 2008 — Klasse D (Storytelling)
- Exile/Manager/Firefighter: Schwartz & Sweezy 2020 — Klasse B
Verknüpfungen
Charaktersystem:
- 00-overview.md — Gesamtarchitektur
- 02-event-sourcing.md — Wunde emergiert aus Events
- 05-protective-system.md — IFS-Formalisierung
- 08-ethik-filter.md — Storytelling-Begriffe nur in Story-Modus
- 10-reconsolidation.md — Arc-Transformation
- 12-coaching-vs-story.md — Mode-Unterscheidung
Frameworks:
- IFS — klinisch validierte Übersetzung
- Wunde-Lüge-Maske — Storytelling-Tradition
- Rogers — Selbstbild-Schichten
- McAdams — Narrative Identity Integration
- HEXACO — Trait-Modulation der Interpretation
- Grawe — Bedürfnis-Frustration als Wunde-Quelle
- Schwartz — Werte-Beitrag zu Ought-Self
Ontologie:
- framework_mappings.yaml →
wound_lie_mask_ifs,rogers_psyche_layers,mcadams_narrative_identity