// Charaktersystem
Coaching vs. Story — Dual-Use-Architektur
Das System hat zwei Modi mit unterschiedlicher Regel-Aktivierung, weil die Anforderungen an Coaching-Arbeit mit realen Menschen andere sind als an die Entwicklung fiktiver Figuren.
Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet
Kernidee
Das System hat zwei Modi mit unterschiedlicher Regel-Aktivierung, weil die Anforderungen an Coaching-Arbeit mit realen Menschen andere sind als an die Entwicklung fiktiver Figuren.
Das ist keine kosmetische Unterscheidung — die beiden Modi laden unterschiedliche Regelsätze, unterschiedliche Filter und unterschiedliche Output-Formate. Der Modus-Switch ist ein expliziter, dokumentierter Vorgang.
Der fundamentale Unterschied
| Aspekt | Coaching-Modus | Storytelling-Modus |
|---|---|---|
| Gegenstand | realer Mensch | fiktive Figur |
| Ziel | hilfreiche Reflexion / Intervention | glaubhafte Reaktion |
| Wahrheit | geteilte Realität mit Klient | narrative Kohärenz |
| Aktive Evidenzklassen | A + B (+ C mit Caveat) | A + B + C + D |
| Output-Filter | diagnose-frei, readiness-geprüft | dramaturgisch offen |
| Ethische Restriktionen | hoch | minimal |
| Readiness-Gate | aktiv | inaktiv |
| Interventions-Vorschläge | aktiv, gefiltert | inaktiv |
| Simulation | neutral beschreibend | dramaturgisch angereichert |
| Sprache | keine Diagnose-Labels | narrativ/literarisch erlaubt |
| Datenspeicherung | lokal, datenschutz-first | flexibler |
| Rechtfertigungsdruck | ethisch, evidenzbasiert | dramaturgisch, künstlerisch |
Modus-Switch
Der Modus wird global pro Session gesetzt:
session:
mode: "coaching" # oder "storytelling", "research", "supervision"
activated_evidence_classes: [A, B]
conditional_classes: [C]
forbidden_classes: [D]
active_filters:
- ETH-01: no_diagnostic_labels
- ETH-02: readiness_gate
- ETH-03: resource_orientation
- ETH-04: model_humility
- ETH-05: evidence_class_filter
- ETH-06: structure_level_filter
- ETH-07: informed_consent_framing
character_data_scope:
- privacy_level: "high"
- storage: "local_only"
- retention_policy: "explicit_consent_required" Ein Modus-Wechsel erfordert explizite Bestätigung, einen Reload des aktiven Regel-Sets und ein neues Session-Logging. Es ist kein beiläufiger Switch.
Welche Frameworks in welchem Modus aktiv?
Coaching-Modus (Klasse A + B, C mit Caveat)
Voll aktiv:
- RDoC — Klasse A
- HEXACO — Klasse A
- Bindungstheorie — Klasse A
- Cognitive Distortions — Klasse A
- Emotionsregulation Gross — Klasse A
- Schwartz-Werte — Klasse A
- Stages of Change — Klasse A
- Reconsolidation — Klasse A/B
- FAtiMA / OCC — Klasse B
- IFS — Klasse B
- Grawe — Klasse B
- Vaillant — Klasse B
- OPD-Strukturniveau — Klasse B
- Schematherapie — Klasse B
- McAdams Narrative Identity — Klasse B
- Rogers-Selbstkonzept — Klasse B
Mit Caveat-Deklaration aktiv:
- Polyvagal-Theory — Klasse C (wissenschaftliche Kritik transparent machen)
- Window of Tolerance — Klasse C (klinische Metapher)
Gesperrt:
- Wunde-Lüge-Maske — Klasse D (Storytelling-Tradition)
- Archetypen (Jung, Campbell) — Klasse D
Storytelling-Modus (alle Klassen)
Alle Frameworks, inklusive Klasse D und Archetypen-Material, sind aktiv. Dramaturgische Vereinfachungen und narrative Muster sind willkommen.
Weitere Modi
Der Research-Modus hat alle Klassen aktiv mit expliziter Klassen-Kennzeichnung, erweiterte Logging-Funktionen und keine Interventions-Vorschläge.
Der Supervision-Modus ist dem Coaching-Modus ähnlich, erlaubt jedoch zusätzlich Reflexion über den Coach selbst: Parts des Coaches können exploriert werden, und Übertragungs-/Gegenübertragungs-Dynamiken werden verdeutlicht.
Regel-Scope
Jede Regel trägt einen scope-Parameter:
rule: R-I-04
name: wound_ready_for_touching
scope: coaching_mode # storytelling_mode | both
fires_when: ...
then: ... Regeln mit scope: storytelling_mode werden im Coaching-Modus gar nicht geladen — sie existieren für das System nicht.
Same Structure, Different Language
Die Psyche-Struktur des Charakters ist in beiden Modi identisch — aber die Ausdrucksweise verschieden:
Beispiel: Ein Charakter mit perfektionistischem Muster
Storytelling-Modus:
Kai trägt eine Wunde aus dem ersten Schultag. Die Lehrerin demütigte ihn vor der Klasse — seitdem hat er die Lüge verinnerlicht, dass sichtbare Fehlerhaftigkeit Ausschluss bedeutet. Seine Maske — der kontrollierte Intellektuelle, der nie scheitert — schützt diese Wunde seit 30 Jahren. Sein Arc: die Wahrheit annehmen, dass er als Fehlerhafter geliebt werden kann.
Coaching-Modus:
Kai hat einen Exile aus frühen Schulerfahrungen, der die Überzeugung trägt, dass Sichtbarkeit zu Ausschluss führt. Ein Manager-Part — perfektionistisch, intellektualisierend — schützt diesen Exile seit Jahrzehnten durch präventive Kontrolle. Die Arbeit könnte auf Self-Led-Zugang zum Exile zielen, wenn der Schutz-Part zunehmend bereit ist, diese Aufgabe zu teilen. (Konfidenz: 0.65 — individuelle Exploration vor konkreten Interventions-Schritten.)
Die zugrundeliegende Struktur ist identisch. Die Ausdrucksweise dient unterschiedlichen Zwecken.
Datenschutz-Unterschiede
Coaching-Modus — Datenhoheit erste Priorität
Die Speicherung erfolgt lokal (kein Cloud-Upload per Default), jede Datenverwendung hat explizite Consent-Erfordernisse, es besteht jederzeit das Recht auf Löschung, Export-Formate werden in offenen Standards bereitgestellt, und es gibt keine Identifier-Verknüpfung ohne Consent.
Das spricht für Tauri- oder Dioxus-Desktop-Architektur statt Server-basiertem Setup.
Storytelling-Modus — flexibler
Cloud-Speicherung ist für Kollaboration akzeptabel, Character-Sharing zwischen Autoren ist möglich, und die Export-Policies sind weniger restriktiv.
Warum diese Trennung architektonisch ist
Ohne Modus-Trennung entstehen vorhersehbare Missbrauchs-Pfade:
Pfad 1: Klienten-Arbeit mit Storytelling-Tropes
Wunde-Lüge-Maske ist dramaturgisch kraftvoll, aber Klasse D. Wenn das Modell einem realen Klienten sagt: “Du hast eine Wunde und eine Lüge” — das ist Pathologisierung in pseudo-empirischem Gewand. Der Klient internalisiert die Struktur als Wahrheit.
Modus-Lösung: Wunde-Lüge-Maske gesperrt im Coaching-Modus. Stattdessen IFS-Übersetzung (Klasse B, klinisch validiert).
Pfad 2: Fiktive Charaktere mit Coaching-Filtern
Wenn Ethik-Filter bei einem Antagonisten-Profil alle pathologischen Zuschreibungen blockiert, wird die Figur dramaturgisch flach. Ein literarischer Narzisst muss als solcher dargestellt werden können.
Modus-Lösung: Im Storytelling-Modus sind diagnostische Zuschreibungen erlaubt — mit der Konsequenz, dass sie nicht aus den Coaching-Modus-Outputs reinrutschen können.
Pfad 3: Modus-Ambiguität
Ohne klaren Modus weiß der Coach nicht, ob Output klinisch tragfähig ist. “Diese Frau zeigt klassische Borderline-Muster” — ist das eine sichere Aussage oder ein dramaturgischer Einfall?
Modus-Lösung: Der aktive Modus ist im Output immer sichtbar. Im Coaching-Modus werden solche Aussagen blockiert.
Pfad 4: Datenlecks zwischen Welten
Daten eines realen Coaching-Klienten dürfen nie in Storytelling-Kontext auftauchen, und umgekehrt sollten narrative Konstrukte nie klinische Kontexte infizieren.
Modus-Lösung: Separate Character-Bibliotheken, separate Storage-Scopes, explizite Cross-Mode-Imports erfordern Consent.
Cross-Mode-Übersetzung
In einigen Fällen ist es sinnvoll, Charaktere zwischen Modi zu übertragen:
Storytelling → Coaching-Hypothese
Ein Autor erstellt eine Figur, deren Strukturen an sich selbst oder an eine bekannte Person erinnern. Soll die Figur als “Spiegel” genutzt werden, läuft der Prozess in vier Schritten: Export der Figur mit anonymisierter Struktur, Import in den Coaching-Modus, automatische Übersetzung aller Klasse-D-Elemente in IFS-Sprache, und Aktivierung der klinisch-ethischen Filter.
Coaching → Storytelling-Inspiration
Ein Coach hat Einsichten gesammelt und möchte sie literarisch verarbeiten (mit Consent). Dafür erfolgen eine vollständige Anonymisierung, eine Abstraktion der spezifischen Muster, die nun erlaubte Narrativ-Anreicherung und eine Ablage der Quelle nur in den Meta-Daten.
Beide Pfade erfordern einen expliziten Export-Prozess mit Consent-Checks.
Modus-spezifische Input-Quellen
Coaching-Modus
Charakter-Daten stammen aus Coaching-Gesprächen (mit Consent), Selbstberichten des Klienten (Fragebögen wie HEXACO-60, ECR-R, PVQ-40) und strukturierten Interviews (bei therapeutischem Kontext: OPD-Interview). Die Quelle pro Event ist klar dokumentiert für den Audit-Trail.
Storytelling-Modus
Charakter-Daten stammen aus Autor-Entscheidungen, Archetyp-Vorlagen, Recherche zu realen Personen (mit erweiterten ethischen Vorbehalten) und Character-Sharing-Bibliotheken.
Modus-Indikator in UI
In der Web/Desktop-UI wird der aktive Modus prominent angezeigt:
┌─────────────────────────────────────────┐
│ [🎭 STORYTELLING-MODUS] oder │
│ [🫱 COACHING-MODUS] │
│ │
│ Aktive Frameworks: 16 │
│ Blockierte Klasse: D │
│ Ethik-Filter: AKTIV │
└─────────────────────────────────────────┘ Die farbliche Kodierung ist: Storytelling violett/kreativ, Coaching blau/professionell, Research grün, Supervision orange.
Belegbasis
- Dual-Relationship-Problem in Helping Professions: Pope, K. S., & Keith-Spiegel, P. (2008). A practical approach to boundaries in psychotherapy: Making decisions, bypassing blunders, and mending fences. Journal of Clinical Psychology, 64(5), 638–652.
- Evidence-Based Practice in Psychology: APA Presidential Task Force on Evidence-Based Practice. (2006). Evidence-based practice in psychology. American Psychologist, 61(4), 271–285.
- Boundaries Coaching vs. Therapy: ICF Code of Ethics — klare Definition von Coaching vs. Therapie
- APA Ethics Code: American Psychological Association. (2017). Ethical Principles of Psychologists and Code of Conduct.
- Informed Consent in Coaching: Pomerantz, A. M., & Handelsman, M. M. (2004). Informed consent revisited: An updated written question format. Professional Psychology: Research and Practice, 35(2), 201–205.
- Narrative vs. Empirical Knowledge: Bruner, J. S. (1986). Actual Minds, Possible Worlds. Harvard University Press. — zwei unterschiedliche Wissens-Modi
Verknüpfungen
Charaktersystem:
- 00-overview.md — Dual-Use-Architektur als Leitprinzip
- 04-psyche-schichten.md — Storytelling/Coaching-Übersetzung
- 07-konfidenz-modell.md — Klassen-Aktivierung pro Modus
- 08-ethik-filter.md — Modus-spezifische Filter
- 11-output-modi.md — unterschiedliche Output-Formate
Frameworks:
- Wunde-Lüge-Maske — exemplarisches Klasse-D-Framework
- IFS — Coaching-tauglicher Ersatz
- Stages of Change — Readiness-Grundlage
Ontologie:
- evidence_classes.yaml →
mode_rules - framework_mappings.yaml →
wound_lie_mask_ifs(Brücke zwischen Modi)