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Charaktersystem — Überblick

Das Charaktersystem ist ein integriertes Modell aus drei etablierten Frameworks (RDoC, FAtiMA/OCC, IFS), das psychische Zustände und Veränderung abbildet. Dieses Dokument beschreibt das Gesamtsyste…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet · Modus: 🟢 Coaching + Story

Das Charaktersystem ist ein integriertes Modell aus drei etablierten Frameworks (RDoC, FAtiMA/OCC, IFS), das psychische Zustände und Veränderung abbildet. Dieses Dokument beschreibt das Gesamtsystem auf konzeptioneller Ebene; Detailmechaniken sind in den nummerierten Dokumenten (01 ff.) ausgeführt.

Leitprinzip

Das Charaktersystem ist eine Repräsentations-Krücke, keine Abbildung des Menschen. Es dient zur Erkenntnis von Zusammenhängen, nicht zum Ersatz klinischer Urteilskraft.

Daraus folgen vier architektonische Merkmale, die sich durch das gesamte System ziehen. Erstens ist Konfidenz erste Klasse: jede Zahl, jede Regel, jeder Output trägt Unsicherheit auf drei Achsen (siehe 07-konfidenz-modell.md). Zweitens ist Output plural — das System gibt Verteilungen möglicher Reaktionen, keine Einzelantworten (11-output-modi.md). Drittens ist Ethik strukturell: der Coaching-Modus sperrt nicht-empirische Module aus (08-ethik-filter.md). Viertens sind Belege Pflicht — jeder Aspekt des Systems wurzelt in einem dokumentierten Quellsystem mit Studien-Anker.

Architektur in einem Bild

┌───────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│                         EVENT (Erlebnis)                          │
│              mit state_at_encoding + cue_signatures               │
└───────────────────────────┬───────────────────────────────────────┘


┌───────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│   KASKADE (zeitliche Verarbeitung, siehe 03-kaskade.md)           │
│                                                                   │
│   1. RDoC-Dimension      (ms, subkortikal — Valence-Aktivierung)  │
│   2. FAtiMA/OCC-Appraisal (~100ms, kortikal — Klassifikation)     │
│   3. IFS-Parts-Aktivierung (s, narrativ — Integration)            │
└───────────────────────────┬───────────────────────────────────────┘


┌───────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│             PROPAGATION über Volatilitäts-Schichten               │
│                   (siehe 01-schichten-modell.md)                  │
│                                                                   │
│   L0 Körper/Soma                         (Lebenslang)             │
│   L1 Traits (HEXACO, Strukturniveau)     (Jahre)                  │
│   L2 Werte, Bindung, Grawe-Bedürfnisse   (Monate–Jahre)           │
│   L3 Narrativ (Psyche-Schichten)         (Monate, therapierbar)   │
│   L4 Schutz & Muster (Parts, Abwehr)     (Wochen)                 │
│   L5 Beziehung & Selbstbild              (Wochen)                 │
│   L6 Verhalten (Sprache, Körper-Expr.)   (Tage)                   │
│   L7 State (WoT, Polyvagal)              (Minuten–Stunden)        │
└───────────────────────────┬───────────────────────────────────────┘


┌───────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│        RULE ENGINE (propagiert Veränderungen + Widerstand)        │
│                                                                   │
│   - forward propagation   (Delta X → Delta Y via Regeln)          │
│   - backward trace        (Warum Y = 42? — Belegkette)            │
│   - resistance activation (Schutz-Parts blockieren Veränderung)   │
│   - confidence propagation (Unsicherheit kaskadiert)              │
└───────────────────────────┬───────────────────────────────────────┘


┌───────────────────────────────────────────────────────────────────┐
│              OUTPUT-MODI (siehe 11-output-modi.md)                │
│                                                                   │
│   - Simulation   (Verteilung plausibler Reaktionen + Begründung)  │
│   - Trace        (Belegkette rückwärts, mit Konfidenz-Pfad)       │
│   - Intervention (Coaching-Vorschläge + cautions + Indikationen)  │
│                                                                   │
│          ETHIK-FILTER filtert nach Modus (siehe 08)               │
└───────────────────────────────────────────────────────────────────┘

Die drei Basis-Pfeiler und ihre Rollen

Das System integriert drei etablierte Frameworks als komplementäre Schichten:

RDoC — Das WAS (Skelett)

Research Domain Criteria der NIMH liefert die dimensionale Taxonomie: Negative Valence, Positive Valence, Cognitive Systems, Social Processes, Arousal/Regulatory, Sensorimotor. Transdiagnostisch, nicht pathologisierend — damit coaching-tauglich.

Evidenzklasse: A · Quelle: Insel et al. 2010, American Journal of Psychiatry

FAtiMA / OCC — Das WIE (Mechanik)

FAtiMA-Toolkit + OCC-Modell liefern die Event-Appraisal-Pipeline: wie aus Erlebnissen Emotionen werden. 22 diskrete Emotionstypen aus kognitivem Appraisal nach Desirability, Praiseworthiness, Appealingness.

Evidenzklasse: B · Quelle: Ortony, Clore & Collins 1988, Cambridge UP; Dias et al. 2014

IFS — Das WER (Dynamik)

Internal Family Systems liefert das Parts-Modell: Self + Managers + Firefighters + Exiles. Psychotherapeutisch validiert, seit 2015 APA-anerkannt. Liefert die Change-Theorie (Unburdening) und die Trigger-Part-Aktivierungs-Mechanik.

Evidenzklasse: B · Quelle: Schwartz & Sweezy 2020, Internal Family Systems Therapy, 2nd ed.

Die zeitliche Kaskade als integrierende Idee

Statt die drei Pfeiler als konkurrierende Theorien zu behandeln, ordnet das System sie entlang der biologisch plausiblen zeitlichen Verarbeitung:

Event (ms)   →   RDoC (Valence, subkortikal)
             →   OCC  (Appraisal, kortikal, ~100ms)
             →   IFS  (Parts, narrativ, Sekunden)

Das macht aus drei Frameworks ein kohärentes Uhrwerk. Details: 03-kaskade.md.

Events als Primärquelle

Die zentrale architektonische Entscheidung: Werte des Charakters sind Aggregate aus Events, keine Primärdaten. Ein Event trägt drei Dimensionen:

  • Zeitpunkt (age_at, date_context, developmental_stage)
  • Verfassung im Moment (state_at_encoding: Polyvagal-Zustand, Window of Tolerance, verfügbare Parts, Meaning-Making-Kapazität)
  • Ereignis selbst (description, cue_signatures, encoded_beliefs)

Alle psychologischen Werte (HEXACO, Grawe-Bedürfnisse, psyche.wunde, protective_parts etc.) sind berechnete Aggregate aus den Events — mit contributes_to-Kanten, die die Ableitung explizit machen.

Konsequenz: Rückwärts-Traceability ist eingebaut. Für jeden aktuellen Wert lässt sich fragen: Welche Events haben ihn in welcher Gewichtung produziert?

Details: 02-event-sourcing.md

Theoretische Basis: Memory Reconsolidation (Nader et al. 2000; Ecker, Ticic & Hulley 2012)

Schichten nach Veränderungsgeschwindigkeit

Jedes Feld des Charakters gehört zu einer der acht Volatilitäts-Ebenen (L0–L7). Das steuert, wie Veränderung propagiert: Untere Ebenen konditionieren obere (HEXACO → Emotionsregulation-Kapazität), obere Ebenen wirken nur über wiederholte Erfahrung auf untere (Hebb’sche Plastizität als Meta-Regel), und korrigierende Events im oberen Bereich können Reconsolidation auf unterem Niveau triggern — die therapeutische Grundmechanik.

Details: 01-schichten-modell.md

Kreisläufe und Transformationen

Das System modelliert fünf charakteristische Feedback-Schleifen, die jeweils unterschiedliche Systemzustände beschreiben:

  1. Teufelskreis-Loops — Wunde → Maske → Beziehungsschaden → Lüge-Bestätigung → Maskenverhärtung
  2. Heilungs-Loops — Safe Relationship → WoT-Expansion → Part-Flexibilität → Reconsolidation-Fenster
  3. Homöostase-Loops — System-Tension ↑ → Schutz-Aktivierung → wahrgenommene Tension ↓
  4. Entwicklungs-Loops — Korrigierende Erfahrung → belief update → reduzierte Trigger-Sensitivität → mehr Exposure
  5. Dekompensations-Loops — WoT ↓ → primitive Abwehr → Beziehungsschaden → weniger Ressource → WoT ↓↓

Details: 09-feedback-loops.md

Das Protective System

Das Herz des systemischen Aspekts ist das aus IFS entlehnte und im System formalisierte Protective System. Exiles tragen die ursprünglichen Wunden (ähnlich Wunde-Lüge-Maske → Storytelling-Übersetzung, siehe framework_mappings.yaml). Managers sind präventive Schutz-Parts (proaktiv, kontrollierend), Firefighters sind reaktive Schutz-Parts (Krisenmodus, zerstörerisch), und Self ist das integrierende Zentrum, das alle Parts “kennt” aber nicht IST.

Jeder Part hat eine Schutzaufgabe, Trigger-Bedingungen, einen Mechanismus (Defense + Distortions + Speech-Shift + Body-Signal), einen State-Shift-Effekt und Kosten. Details: 05-protective-system.md

Change-Mechanik: Reconsolidation

Charakter-Entwicklung findet nicht durch “Willenskraft” statt, sondern durch Memory Reconsolidation — ein neurowissenschaftlich belegter Mechanismus:

Erinnerungen werden bei Abruf destabilisiert, und für ihre Umkodierung müssen drei Bedingungen erfüllt sein (Ecker 2018): die ursprüngliche emotionale Erfahrung ist aktiviert, ein widersprechendes neues Erleben (mismatch experience) findet statt, und mehrere mismatch experiences über Zeit verstärken die Neukodierung.

Diese Regel ist im System als integration_requirements operationalisiert. Ein Arc-Ende (Story) oder therapeutischer Durchbruch (Coaching) ist erreicht, wenn die Bedingungen für eine Wunde erfüllt sind. Details: 10-reconsolidation.md

Dual-Use: Coaching vs. Storytelling

Das System hat zwei Modi mit unterschiedlichen Regel-Aktivierungen:

AspektCoaching-ModusStorytelling-Modus
Aktive EvidenzklassenA + B (+ C mit Caveat)A + B + C + D
Output-Filterdiagnose-frei, readiness-geprüftdramaturgisch offen
Gegenstandrealer Menschfiktive Figur
Ethische Einschränkungenhochminimal
Zulässige Quellsystemenur empirisch/klinisch validiertauch narrative Tradition

Details: 12-coaching-vs-story.md und 08-ethik-filter.md

Konfidenz auf drei Achsen

Jeder Wert im System trägt drei Konfidenz-Dimensionen (Details: 07-konfidenz-modell.md). Evidence fragt, wie gut die zugrundeliegende Regel belegt ist (Klasse A/B/C/D, siehe evidence_classes.yaml); Generality fragt, wie breit die Regel kulturell/demographisch gilt; Specificity fragt, ob die Regel auf diesen konkreten Charakter passt.

Konfidenzen propagieren: Ein Wert, der über 3 Regel-Tiers abgeleitet wird, kumuliert die Unsicherheit. Ab Tier 2 werden Werte im Output als “qualitativer Hinweis” gelabelt — Zahlen sind dann Orientierung, keine Wahrheit.

Was das System nicht kann

Die Grenzen des Systems werden explizit dokumentiert, um Übernutzung zu vermeiden. Es liefert keine klinische Diagnose (keine ICD/DSM-Labels), keine Prognose individueller Reaktionen (Outputs sind Wahrscheinlichkeitsverteilungen, nicht Vorhersagen), keinen Therapie-Ersatz (Interventions-Vorschläge sind Reflexions-Impulse, keine Behandlungsanweisungen) und kein vollständiges Menschenbild — Bewusstsein, Spiritualität und Transzendenz-Erfahrungen sind nicht modelliert.

Siehe 08-ethik-filter.md für die strukturellen Absicherungen.

Nächste Schritte in der Dokumentation

Lesereihenfolge für tieferes Verständnis:

  1. Grundlagen: 01-Schichten → 02-Event-Sourcing → 03-Kaskade
  2. Dynamik: 05-Protective-System → 06-Trigger-State → 09-Feedback-Loops
  3. Epistemologie: 07-Konfidenz → 08-Ethik → 12-Modus-Unterscheidung
  4. Change-Theorie: 10-Reconsolidation → 11-Output-Modi
  5. Quellsysteme: beliebige Reihenfolge in frameworks/