// Charaktersystem

Trigger und State — Aktivierungs-Mechanik

Trigger und State sind die dynamische Schicht des Charaktersystems — sie erfassen, was jetzt gerade im Charakter passiert. Während Traits, Werte und Psyche-Schichten das stabile Gerüst bilden, ist…

Veröffentlicht: · Holger Theymann

Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet

Kernidee

Trigger und State sind die dynamische Schicht des Charaktersystems — sie erfassen, was jetzt gerade im Charakter passiert. Während Traits, Werte und Psyche-Schichten das stabile Gerüst bilden, ist State der momentane Zustand, und Trigger sind die Ereignisse, die ihn verändern.

Zentrale Idee: Trigger sind keine einfachen Reize, sondern Aktivierungs-Funktionen, die ein Event + den aktuellen State + die Charakterhistorie in Part-Aktivierung + State-Shift + Kapazitäts-Änderung umsetzen.

Trigger-Schema (vollständig)

triggers:
  - id: "T-001"
    name: "Öffentliche Kritik der Ausdrucksweise"
    
    cue_category: "relational"   # relational | somatic | contextual | symbolic
    cue_description: "Unterbrochen werden, während er erklärt"
    
    cue_signatures:              # matcht gegen Events und neue Situationen
      sensory:
        - "Mehrere Zuhörer"
        - "Unterbrechung verbal"
      relational:
        - "öffentliche Bewertung"
        - "Autoritätsperson präsent (Chef, Partner)"
      somatic:
        - "Zuhörer-Blicke spürbar"
      symbolic:
        - "Performance + Kritik"
    
    imprint_source_events: ["E-007", "E-019"]
    # Welche Events haben diesen Trigger geprägt?
    
    touches:                     # welche psychischen Strukturen
      - "psyche.wunde"
      - "value.significance"
      - "exile.EX-001"            # in IFS-Sprache
    
    activates:                   # welche Parts werden typischerweise aktiv
      - part: "protective_part.P-001"
        activation_probability: 0.7
      - part: "protective_part.P-002"
        activation_probability: 0.2   # als Fallback, wenn P-001 versagt
    
    state_transition:
      from: "ventral_vagal"
      to: "sympathetic"
      intensity: 0.6
    
    tolerance_cost: 25           # reduziert WoT.current um 25
    
    overrides:                   # welche Strategien werden blockiert
      - "emotion_regulation.reappraisal"
      - "self_access"
    
    typical_duration_min: 45
    
    de_escalation:
      signals:
        - "Der andere fragt nach statt gegenhält"
        - "Körperliches Grounding möglich"
        - "Zeit ohne weitere Aktivierung"
      
      factors_accelerating:
        - "safe_relationship_presence"
        - "body_awareness_skills"
        - "self_led_access"
      
      factors_prolonging:
        - "weitere Trigger-Kaskade"
        - "niedriger WoT-Baseline"
        - "akut erschöpft"

State-Schema (vollständig)

state:
  # Aktuelle autonome Grundaktivierung
  polyvagal: "ventral_vagal"    # klinische Metapher (siehe Polyvagal-Caveat)
  # Mögliche Werte: ventral_vagal | sympathetic | dorsal_vagal | mixed
  
  # Window of Tolerance
  window_of_tolerance:
    current: 65                 # aktueller Spielraum
    baseline: 80                # individueller Ruhewert
    floor: 20                   # wann kollabiert Regulation?
    ceiling: 95                 # oberer Grenzbereich
  
  # Derzeit aktive Parts
  active_parts:
    - part: "P-001"
      activation_level: 0.7
      since_event: "E-152"
      estimated_duration_min: 35
  
  # Aktive kognitive Muster
  active_distortions:
    - type: "mind_reading"
      triggered_by: "P-001"
      intensity: 0.5
    - type: "should_statements"
      triggered_by: "P-001"
      intensity: 0.8
  
  # Derzeit verfügbare Regulationsstrategien
  regulation_availability:
    reappraisal: false         # geblockt durch Trigger.overrides
    suppression: true
    attention_deployment: true
    somatic_regulation: true
    self_led_access: false     # Self verdeckt durch Part-Dominanz
  
  # Relationships-Modus
  relational_stance:
    sarah:
      defensive_level: 0.6
      empathic_access: 0.4
      trust_current: 0.55
  
  # Recovery-Trajektorie
  recent_trajectory:
    direction: "narrowing"      # expanding | stable | narrowing
    rate: -0.05                 # pro Tag
    recovery_events_needed: 3

Mechanik im Detail

1. Event matcht Trigger

Beim Eintreffen eines Events prüft das System:

neues_event.cue_signatures ~~ trigger.cue_signatures ?

Der Match ist semantisch (Embedding-basiert), nicht exakt. Threshold typisch 0.6–0.75.

Wenn Match → Trigger feuert.

2. Part-Aktivierung

Der feuernde Trigger aktiviert zugeordnete Parts mit Wahrscheinlichkeits-Gewichtung:

aktivierte_parts = weighted_sample(trigger.activates, current_state)

Die Wahrscheinlichkeit hängt vom aktuellen State ab — im ventralen Zustand andere Parts als im sympathischen.

3. State-Shift

Trigger reduziert WoT.current um tolerance_cost. Bei mehreren gleichzeitigen Triggern kumulativ.

4. Overrides werden aktiv

Bestimmte Strategien werden temporär blockiert (z.B. Reappraisal bei Hyperarousal). Das entspricht dem neuropsychologischen Befund, dass präfrontale Funktionen unter akutem Stress reduziert sind (Arnsten 2009).

5. Part-Mechanismus wirkt

Der aktivierte Part manifestiert sich: Cognitive Distortions werden aktiv, das Speech-Pattern verschiebt sich, das Body-Signal zeigt sich, und die State-Transition komplettiert sich.

6. De-Escalation oder Eskalation

Je nach Kontext folgt entweder ein De-Escalation-Signal (der WoT erholt sich) oder ein weiterer Trigger (Kaskade, möglicherweise Dekompensations-Loop).

Cue-Match über Embedding

Der semantische Cue-Match ist der zentrale Mechanismus für individuelle Trauma-Trigger.

Wie der Match funktioniert

Der Match läuft in vier Schritten: Jede Cue-Signature wird als Text verdichtet (sensory + relational + somatic + symbolic zusammengefügt), ein Embedding-Modell (multilingual-e5 oder ähnlich) erzeugt daraus einen Vektor, die neue Situation wird per Cosinus-Ähnlichkeit gegen alle Event/Trigger-Embeddings abgeglichen, und Top-Matches über dem Threshold werden aktiviert.

Warum kein exakter String-Match

Trauma-Trigger sind semantisch verwandt, nicht textlich identisch. Die Lehrerin-Demütigung aus der Kindheit und die Chef-Kritik im Meeting teilen nicht Worte, sondern Bedeutungsstrukturen (“öffentliche Bewertung + Autoritätsfigur + Scham-Potential”).

Embedding-Qualität und Kalibrierung

Die Kalibrierung bewegt sich zwischen zwei Fehlerpolen. Zu generische Embeddings erzeugen zu viele False Positives (alles aktiviert alles); zu spezifische Embeddings verhindern Generalisierung (nur die exakte Situation triggert). Der Sweet Spot liegt dort, wo ähnliche Situationen matchen, unterscheidbare aber nicht.

State-Transitions — die drei Zustände

Das System nutzt die klinische (nicht strikt neuroanatomische) Polyvagal-Metapher:

Ventral Vagal — “im Fenster”

Reguliert, sozial verbunden und kortikal funktionsfähig. Alle Regulationsstrategien sind verfügbar, Self-Access und Beziehung sind möglich.

Sympathetic — “über dem Fenster”

Mobilisiert in Fight/Flight/Fawn. Kortikale Strategien sind eingeschränkt, Parts dominieren, die Beziehung wird defensiv.

Dorsal Vagal — “unter dem Fenster”

Shutdown, Freeze, Dissoziation. Die Regulation ist extrem eingeschränkt, Parts sind oft im Extremmodus (numbing Firefighter), Beziehung ist kaum möglich.

Wichtig — Polyvagal-Caveat: Die neuroanatomische Grundlage der Polyvagal-Theory ist wissenschaftlich umstritten (Grossman 2016, Taylor et al. 2022). Wir verwenden die klinisch nützlichen Kategorien als Metapher-Sprache, nicht als validierte Mechanismen.

Siehe polyvagal-porges.md und window-of-tolerance-siegel.md.

Trigger-Typen und -Quellen

Nach Cue-Kategorie

KategorieBeispiele
RelationalKritik, Zurückweisung, Bewertung, Verlassenwerden, Unterbrechung
SomaticKörperliche Berührung (bei Trauma-Historie), körperliche Symptome (Herzrasen ähnlich wie Angst)
ContextualOrte (Schule, Krankenhaus), Situationen (Vortrag, Prüfung)
SymbolicJahrestage, Schlüsselwörter, Symbole, Stimmen

Nach Ursprungsevent

Jeder Trigger hat imprint_source_events — die Events, in denen er geprägt wurde. Das erlaubt:

  • Ursprungs-Analyse: “Dieser Trigger kommt aus E-007”
  • Reconsolidation-Planung: “Um diesen Trigger zu entschärfen, brauchen wir Mismatch zu E-007”
  • Generalisierung prüfen: “Triggert auch Ähnliches, das nicht aus E-007 stammt?”

Window of Tolerance-Dynamik

Baseline als stabile Eigenschaft (L1/L2)

Die WoT-Baseline ist relativ stabil — geprägt durch Bindungsstil, Traits, Strukturniveau und Trauma-Historie. Sie ist veränderbar, aber langsam: Earned security (Bindungs-Arbeit) und Regulations-Skill-Training führen zu Expansion, während chronische Dekompensation und Re-Traumatisierung Kontraktion bewirken.

Current als dynamische Eigenschaft (L7)

Der WoT-Current-Wert schwankt minütlich mit Triggern (cost), Recovery-Phasen, Beziehungs-Aktivierung (co-regulation) und Physiologie (Müdigkeit, Hunger, Schlaf).

Floor als kritischer Wert

Unter dem Floor sind kortikale Strategien blockiert. Das ist Override-Regel R-WOT-01:

rule: R-WOT-01
name: reappraisal_blocked_below_floor
fires_when: "state.window_of_tolerance.current < state.window_of_tolerance.floor"
then:
  - emotion_regulation.reappraisal.available: false
  - available_options: ["grounding", "somatic_regulation", "safe_co_regulation"]

Bindungsstil prägt State-Dynamik

Der Bindungsstil beeinflusst WoT-Größe und State-Muster systematisch:

BindungsstilWoT-BaselineTypische State-Dynamik
Secure80-95Schneller Recovery nach Aktivierung
Anxious-Preoccupied65-80Häufige Sympathetic-Aktivierung, langsamer Recovery
Dismissive-AvoidantScheinbar 85+, real oft niedriger durch SuppressionVermeidung von Aktivierung
Fearful-Avoidant50-70, instabilOszillationen zwischen Hyper- und Hypo-Arousal

Siehe bindungstheorie.md.

Trigger-Identifikation aus Event-Historie

Das System kann wiederkehrende Trigger-Muster identifizieren, indem es Events mit ähnlichen cue_signatures clustert, Cluster mit hoher emotionaler Reaktion markiert, dominante Cue-Kategorien extrahiert und daraus eine Trigger-Definition vorschlägt. Das ergibt eine individualisierte Trigger-Liste statt generischer Kategorien.

Interventions-Implikationen

Bei niedrigem WoT

Keine Tiefenarbeit. Stabilisierung zuerst (Grounding, Bindungs-Kontakt, somatische Regulation), gefolgt von Ressourcen-Aktivierung.

Bei mittlerem WoT

Parts-Arbeit (Manager-Dialog) ist möglich, ebenso eine vorsichtige Exile-Annäherung. Reappraisal ist sinnvoll.

Bei hohem WoT mit Reaktivierung

Das Reconsolidation-Fenster ist offen, Tiefenarbeit ist möglich, Integration wird gefördert.

Bei State-Shift während Intervention

Intervention pausieren, State-Check durchführen, Grounding einbauen — dann entscheiden, ob fortgesetzt oder abgebrochen wird.

Belegbasis

Verknüpfungen

Charaktersystem:

Frameworks:

Ontologie:

  • framework_mappings.yamlpolyvagal_rdoc, window_of_tolerance_polyvagal