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Konfidenz-Modell — 3-Achsen-Unsicherheit
Jeder Wert, jede Regel, jeder Output im System trägt Konfidenz auf drei unabhängigen Achsen. Ein einziger Konfidenz-Wert würde verdecken, was wichtig ist: die Quelle der Unsicherheit.
Status: ✅ Vollständig ausgearbeitet
Kernidee
Jeder Wert, jede Regel, jeder Output im System trägt Konfidenz auf drei unabhängigen Achsen. Ein einziger Konfidenz-Wert würde verdecken, was wichtig ist: die Quelle der Unsicherheit.
Diese Differenzierung ist keine methodische Spielerei — sie ist die epistemologische Architektur, die das System davor schützt, Pseudo-Präzision zu produzieren. Besonders im Coaching-Modus ist das entscheidend.
Die drei Achsen
| Achse | Frage | Quelle | Typische Werte |
|---|---|---|---|
| evidence | Wie gut ist die zugrundeliegende Regel belegt? | Evidenzklasse A/B/C/D | 0.2–0.95 |
| generality | Wie breit gilt die Regel kulturell/demografisch? | Empirische Replizierbarkeit | 0.5–0.95 |
| specificity | Passt die Regel auf diesen konkreten Charakter? | Charakter-spezifische Passung | 0.3–0.9 |
Die Achsen im Detail
Achse 1: Evidence
Frage: Wie solide ist das wissenschaftliche Fundament?
Die Achse knüpft direkt an die Evidenzklassen-Taxonomie an:
| Klasse | Default evidence | Kriterien |
|---|---|---|
| A | 0.80 (0.70–0.95) | Meta-Analysen, Replikation, psychometrisch validiert |
| B | 0.60 (0.50–0.75) | Klinisch etabliert, moderate Evidenz |
| C | 0.40 (0.30–0.55) | Klinische Tradition mit wissenschaftlicher Kritik |
| D | 0.20 (0.10–0.35) | Handwerk, narrative Tradition |
Beispiele: HEXACO-Emotionality → Emotionsregulations-Kapazität: evidence 0.75 (Meta-Analysen verfügbar). Polyvagal-Theory als Erklärungsrahmen: evidence 0.40 (klinisch nützlich, wissenschaftlich umstritten). Wunde-Lüge-Maske: evidence 0.20 (dramaturgische Tradition).
Achse 2: Generality
Frage: Wie breit gilt die Regel?
Die Achse bezieht sich auf kulturelle Replizierbarkeit (wurde in verschiedenen Kulturen gezeigt?), demografische Breite (Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status) und kontextuelle Stabilität (gilt die Regel in verschiedenen Kontexten?).
Beispiele: Bindungsstil ECR-R: generality 0.85 (cross-kulturell gut, aber WEIRD-Bias). Schwartz-Werte-Hierarchie: generality 0.80 (>80 Länder, aber Variations-Muster kulturell). Polyvagal-Zustände: generality 0.7 (kategorial gültig, aber neuroanatomische Herleitung umstritten).
Achse 3: Specificity
Frage: Passt die Regel auf diesen konkreten Charakter?
Das ist die individuellste Achse. Sie berücksichtigt spezifische Charakter-Eigenschaften, die die Regel modifizieren könnten, widersprüchliche Muster in der Event-Historie und untypische Kombinationen von Traits und Werten.
Beispiele: Die Regel “hohe Emotionality senkt Reappraisal-Kapazität” erhält bei einem Charakter mit jahrelanger Meditationspraxis specificity 0.5, weil die Meditationspraxis den Effekt abmildern könnte. Die Regel “anxious-preoccupied Bindung führt zu hyperactivating” erhält bei einem Charakter mit earned security specificity 0.4, weil der Wandel möglich ist.
Der Aggregat-Wert
Der aggregierte Konfidenz-Wert wird multiplikativ berechnet:
aggregate = evidence × generality × specificity Warum multiplikativ? Weil alle drei Achsen notwendig sind — eine schwache Achse kann das Gesamt nicht durch eine starke ausgleichen.
Beispiele: Evidence 0.9 × Generality 0.9 × Specificity 0.9 = 0.73 (solide). Evidence 0.9 × Generality 0.9 × Specificity 0.5 = 0.41 (Trait-Regel, aber passt schwach). Evidence 0.4 × Generality 0.9 × Specificity 0.9 = 0.32 (wackeliges Fundament trotz guter Passung).
Regel-Schema mit 3-Achsen-Konfidenz
rule:
id: "R-E-01"
name: "hexaco_emotionality_dampens_reappraisal"
fires_when:
- property: "hexaco.emotionality"
operator: "≥"
value: 70
then:
- target: "emotion_regulation.reappraisal.capacity"
relation: "inhibits"
direction: "↓"
magnitude: 20
magnitude_range: [10, 30]
confidence:
evidence: 0.75 # mehrere Studien, moderate Effektgröße
generality: 0.85 # cross-kulturell repliziert
specificity: 0.60 # kontextabhängig
aggregate: 0.38 # = 0.75 × 0.85 × 0.60
source:
- "Gross 2015, Emotion Regulation Review"
- "McRae 2012, Individual Differences in Reappraisal"
evidence_class: "A" Konfidenz-Propagation
Wenn eine Regel auf einer Regel aufbaut, multiplizieren sich die Konfidenzen. Das simuliert epistemische Kaskade.
Beispiel: Tier 1 → Tier 2 → Tier 3
Tier 1 (direkt aus HEXACO-Annahme):
hexaco.emotionality = 78 (angenommen, conf 0.85)
Tier 2 (Regel R-E-01 feuert):
emotion_regulation.reappraisal.capacity = 58 (conf 0.38)
= 0.85 × 0.38 / 0.85 = 0.38 × ...
# gemessen durch regel-eigene Konfidenz
= 0.85 × 0.75 × 0.85 × 0.60 = 0.33
Tier 3 (weitere Regel baut darauf auf):
protective_part.P-001.activation_threshold = 0.45
conf_tier3 = conf_tier2 × rule2.aggregate
= 0.33 × 0.55 = 0.18 Faustregel: Ab Tier 2 unter 0.4 — Output wird als “qualitativer Hinweis” gelabelt.
Output-Repräsentation
Im Output wird Konfidenz immer sichtbar:
Hohe Konfidenz (>0.6)
emotion_regulation.reappraisal.capacity: 75 (conf 0.72) Klarer Zahlenwert, hoher Konfidenz-Wert.
Mittlere Konfidenz (0.4–0.6)
emotion_regulation.reappraisal.capacity: ≈55 (Band: 45–65, conf 0.5) Punktwert als Näherung, Band zur Illustration der Unsicherheit.
Niedrige Konfidenz (<0.4)
emotion_regulation.reappraisal.capacity: ↓ wahrscheinlich reduziert,
exakter Wert unsicher (conf 0.3)
CAVEAT: Tier-3-Propagation — qualitativer Hinweis, kein präziser Wert Richtung bleibt, Zahl verschwindet oder wird als “wahrscheinlich” markiert.
Die Qualitäts-Hierarchie in Konfliktfällen
Wenn qualitativer und quantitativer Aspekt divergieren — z.B. bei niedriger Konfidenz — gilt eine dreistufige Hierarchie: Die Richtung ist robust (↓ gilt, solange die Regel überhaupt feuert), der Magnitude-Bereich ist Hypothese (wird als Band gezeigt, nicht als Punkt), und der Punktwert ist Default für Rechnung, wird aber nie als Wahrheit kommuniziert.
Diese Hierarchie schützt vor Pseudo-Präzision: Wir behaupten nicht “Reappraisal-Kapazität sinkt um exakt 20”, wenn wir nur wissen “sinkt, wahrscheinlich im Bereich 10-30”.
Monte-Carlo-Integration
Mit Konfidenz-Werten lässt sich Sampling durchführen:
character simulate kai --scene S-042 --samples 100
Verteilung der Reaktionen:
Rationalisierung: 62% ± 4% (conf-gewichtet)
Intellektualisierung: 23% ± 3%
Verletzlichkeit: 10% ± 3%
Eskalation: 5% ± 2%
Konfidenz Gesamt-Ergebnis: 0.62
Dominierende Unsicherheits-Quelle: psyche.wunde.awareness (manuell gesetzt) Das ist besonders wertvoll für Storytelling (zeigt die dramaturgische Bandbreite) und Coaching (zeigt die Robustheit einer Intervention über verschiedene Szenarien).
Warum drei Achsen (und nicht eine)
Eine Regel kann gut belegt sein (hohe evidence), aber bei diesem Charakter nicht greifen (niedrige specificity) — z.B. wegen hoher Meditationspraxis, die die typische HEXACO-Konsequenz abmildert.
Ein einziger Konfidenz-Wert würde diesen Unterschied verdecken. Der Coach verliert so die Information, warum er bei einem Klienten vorsichtiger sein sollte — oder welche Regel gerade nicht anwendbar ist.
Die drei Achsen sagen im Output jeweils etwas Unterschiedliches. Hohe Evidence + hohe Generality + niedrige Specificity bedeutet: “Die Regel ist wissenschaftlich robust, aber dieser Mensch ist eine Ausnahme.” Niedrige Evidence + hohe Generality + hohe Specificity bedeutet: “Die Regel passt, aber die Evidenz ist wackelig — Vorsicht bei Handlungsimplikationen.” Hohe Evidence + niedrige Generality + hohe Specificity bedeutet: “Die Regel passt auf diesen Menschen in seinem Kontext, aber Transfer auf andere vorsichtig.”
Dominant-Uncertainty-Source-Analyse
Für wichtige Outputs kann das System den dominierenden Unsicherheits-Anteil identifizieren:
output_uncertainty_analysis:
aggregate_confidence: 0.38
breakdown:
evidence_contribution: 0.75 # Regel ist gut belegt
generality_contribution: 0.85 # breit gültig
specificity_contribution: 0.60 # ← DOMINANT
dominant_source: "specificity"
implication: "Regel wissenschaftlich solide, aber individuelle Passung mittel. Vor Intervention individuelle Exploration." Das ist wertvoll für reflektierte Coaching-Arbeit — es zeigt, wo Nachfragen angezeigt sind.
Konfidenz im Konsistenz-Check
Beim Ontologie-Validator prüft das System, dass jedes Feld einen definierten Konfidenz-Bereich hat, jede Regel explizite Konfidenz-Angaben trägt und jeder computed value die propagierte Konfidenz mitführt. Regeln ohne Konfidenz-Angabe werden vom Validator abgelehnt — das erzwingt disziplinierte Regel-Definition.
Vergleich mit anderen Konfidenz-Systemen
Evidence-Based Medicine Hierarchy
EBM (Oxford CEBM) klassifiziert Studien-Evidenz 1–5. Unsere Evidence-Achse ist daran angelehnt, aber sie gilt für einzelne Regeln statt für ganze Interventionen, integriert die klinische Tradition (Klasse B/C) explizit und ist im Output transparent.
Bayesian Credible Intervals
Bayesianische Statistik liefert ähnliche Unsicherheits-Quantifizierung, aber unsere drei Achsen sind semantisch differenziert und nicht nur numerisch, und der Output ist interpretierbar ohne statistisches Fachwissen.
Dempster-Shafer-Theorie
Eine abstrahiertere Formalisierung von Unsicherheit — für die klinisch-psychologische Anwendung aber zu abstrakt. Unser 3-Achsen-Modell ist pragmatischer.
Belegbasis
- Evidence-Based Medicine Hierarchy: Oxford CEBM 2011 Levels of Evidence
- Meta-Analyse als Goldstandard: Cooper, Hedges & Valentine 2019, Handbook of Research Synthesis
- Kulturelle Generalisierbarkeit: Henrich, Heine & Norenzayan 2010, The Weirdest People in the World?, BBS
- Probabilistische Kognition: Tenenbaum, Griffiths & Kemp 2006
- APA Evidence-Based Practice: APA Presidential Task Force 2006
Verknüpfungen
Charaktersystem:
- 00-overview.md — Leitprinzip: Konfidenz ist erste Klasse
- 08-ethik-filter.md — Konfidenz als Filter-Kriterium
- 11-output-modi.md — Konfidenz im Output
- 12-coaching-vs-story.md — modus-spezifische Klassen-Aktivierung
Ontologie:
- evidence_classes.yaml — A/B/C/D-Klassifikation
- framework_mappings.yaml — jedes Mapping mit eigener Konfidenz
Frameworks — alle mit expliziter Evidenzklasse:
- Klasse A: HEXACO, Bindungstheorie, Schwartz, Cognitive Distortions, Emotionsregulation, Stages of Change, RDoC
- Klasse B: IFS, Grawe, Vaillant, OPD, Schematherapie, McAdams, Rogers, Reconsolidation-klinisch, FAtiMA/OCC
- Klasse C: Polyvagal, Window of Tolerance
- Klasse D: Wunde-Lüge-Maske